Müssen Bildungsmaterialien „sexy“ sein?

Ein offener Brief an Nadine Emmerich. Sie ist die Autorin des Artikels „OER ist nicht sexy“ welcher in der GEW-Zeitschrift „Erziehung und Wissenschaft“ erschienen ist.

 

Liebe Frau Emmerich,

 

wegen des merkwürdigen Titels „OER ist nicht sexy“ ist mir Ihr Beitrag auf Seite 23 der GEW-Zeitschrift Erziehung_und_Wissenschaft/2016/EW_04_2016_Web.pdf aufgefallen.

Sexy kommt nur wenigen Lehrern und Ausbildern im Zusammenhang mit Unterrichtsmaterial in den Sinn. Der Begriff passt eher bei Bademode. Eigenschaften wie „motivierend und unterrichtswirksam“ sollten bei der Bewertung von Bildungsmaterialien wichtiger sein.

Das was ich bei meinen Ausbilderkollegen, meinen Kindern und Enkeln in den letzten Jahren im Wesentlichen an Unterrichtsmaterial gesehen habe, waren mehr oder weniger alte Bücher und massenhaft angefertigte Fotokopien. Das Wort „sexy“ ist niemandem bei der Sichtung dieses Materials über die Lippen gekommen.

Wichtiger als „sexy“ zu sein ist jedoch die Arbeit an den von Ihnen im Artikel benannten Baustellen, um eine Kultur des Teilens in der Bildung zu etablieren:

  1. Rechtssicherheit
  2. Qualitätssicherung
  3. Qualifizierungsmodelle
  4. Geschäftsmodelle

Zu allen 4 Punkten gibt es Aspekte, die in Ihrem Beitrag nicht auftauchen.

  1. Zum Thema Rechtssicherheit gibt es durch die Rechtssache „C-160/15“ des höchsten Europäischen Gerichts interessante Gesichtspunkte für die Betreiber von Lernplattformen: Wenn man nicht sicher ist, ob eine Bildungsresourcen rechtssicher ist, kann man sie dennoch angstfrei verlinken sofern sie nicht ausgedruckt werden muss. Links zu urheberrechtlich geschützten Inhalten sind gefahrlos, wenn das Gericht in Kürze seinem Gutachter folgt. Beim Kopieren und Drucken muss man weiterhin aufpassen. Details stehen in der Süddeutschen Zeitung: http://www.sueddeutsche.de/digital/urheberrecht-eugh-gutachten-links-zu-urheberrechtsverletzungen-sind-nicht-rechtswidrig-1.2938936
    Das von den Veranstaltungsteilnehmern gewünschte Remix-Tool passt zum verbreiteten „Rundum Sorglos“ Wunschdenken. Es müsste automatisch auch die Plagiatssuche im Bereich des gesamten Internets und konventioneller Bibliotheksbestände beinhalten oder es bleibt oberflächliche Augenwischerei.
  2. Die permanente Qualitätssicherung wird bei OER leichter sein, weil jeder Zugang hat ohne dafür zahlen zu müssen. Aktualisierungen an der digitalen Quelle sind einfach und Fehler können schnell korrigiert werden ohne dass bereits gedruckte Bücher eingestampft werden müssen. Fachlehrer werden nicht nur als Autoren, sondern auch als Lektoren und Kritiker der OER in Frage kommen. Bildungsträger müssen natürlich bereit sein, die Arbeit der Lektoren direkt zu zahlen und nicht wie bisher indirekt über den Preis der Schulbücher.
  3. Die Qualifizierung von Lehrern und Ausbildern ist in der Tat das größte Problem. Unwissen um die Möglichkeiten der bereits vorhandenen Infrastruktur verhindert deren sinnvollen Einsatz. An fast jeder weiterführenden Schule, Hochschule oder Berufsschule ist schon eine brauchbare Lernplattform installiert. Sie wird mehr oder weniger nur von den wenigen Netzaktivisten am Leben gehalten. Die Unkenntnis um die Einsatzmöglichkeiten der Lernplattform ist genauso erschreckend wie es der Kauf eines wertvollen Flügels wäre, wenn der Musiklehrer damit nur die Tonleiter spielen kann. Vielfach sieht man in der Bereitstellung von pdf-Dokumenten die einzige Anwendungsmöglichkeit für Lernplattformen. Hervorragende Merkmale, wie die Quiz-Tools der Open-University werden praktisch kaum genutzt, obwohl Lehrer damit schnell interessante Lern- und Testhilfen produzieren könnten. Qualifizierungsmöglichkeiten zur Nutzung der Plattformen gibt es allerorten oder im Internet, aber warum sollten Lehrer diese Angebote nutzen, wenn es folgenlos bleibt, wenn man nichts tut?
  4. Vor einem Jahr gab es einen Antrag der Fraktionen der CDU/CSU und der SPD „Durch Stärkung der Digitalen Bildung Medienkompetenz fördern und digitale Spaltung überwinden“ http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/044/1804422.pdf. Ich war auf den darauf folgenden konkurrierenden Veranstaltungen der Regierungsfraktionen im Reichstagsgebäude und im Paul Loebe Haus: https://www.freitag.de/autoren/christian-fueller/digitales-doppelspiel. Mein Ziel war, dort Ansprechpartner für OER-Geschäftsmodelle zu lokalisieren. Ich nahm hauptsächlich die Aktivitäten der Lobbyisten von Verlagen wahr (z.B. Herrn Feldmann vom Verband der Bildungsmedien e.V.) welche überhaupt kein Interesse an OER haben. Die anwesenden Aktivisten aus der OER-Szene wirkten wie temporäre Wahlhelfer der Bildungspolitiker. Sie sind in der Kulisse nützlich, aber nach der Veranstaltung sind sie wieder bedeutungslos. Die staatlichen Beschaffungsstellen für Bildungsmaterialien sind auf die althergebrachten Beschaffungspfade eingestellt und Lehrer freuen sich, wenn sie kostenlose Lehrerexemplare und Begleitmaterial vom Außendienst der Verlage überreicht bekommen. Die Mehrzahl der Beteiligten wird aus Bequemlichkeit kein ernsthaftes Interesse an Änderungen haben, egal ob das Material „sexy“ ist oder nicht.

In Ihrem Beitrag erwähnen Sie Arbeitszeitkontingente als Belohnung für OER-Produzenten. Das kann man machen, wenn es um wenig aufwändige Materialen mit geringen Anforderungen geht, die von gut honorierten Pädagogen nebenbei erstellt werden können. Fachleute ohne Anstellung an Bildungseinrichtungen sind damit von einer Honorierung ausgeschlossen. Wegen der bestehenden Strukturen in unserem föderalen Bildungssystem können die im Schulbuchhandel üblichen Geschäftsmodelle nicht greifen. Auch bei OER gilt: Ohne Preis kein Fleiß, d.h. kein renommierter Autor kann ohne Bezahlung arbeiten.

Wenn die Beschaffungswege für seriöse Bildungsmedien nur auf das Zusammenspiel mit den Schulbuchverlagen ausgerichtet sind, wie sollte da jemand etwas Neues wie OER aufbauen können, wenn es keine Einnahmen gibt? Autoren wollen bezahlt werden. Wenn das durch die Privatwirtschaft geschehen würde, um gute OER zu produzieren, ist das zunächst nicht verwerflich, zumal bisher bevorzugte Verlage wie Klett, Westermann und Cornelsen auch der Privatwirtschaft zuzurechnen sind und gewinnorientiert arbeiten.

OER ist für die Nutzer kostenlos, die Produktion der Urversion und die Bereitstellung müssen dennoch finanziert werden. Wenn man verhindern will, dass die Privatwirtschaft via Finanzierung von OER Einfluss auf die Bildung nimmt, muss man bessere Angebote machen. Praktikable Möglichkeiten sind aus Sicht von Autoren und Nutzern neue staatliche Stiftungen um den Betrieb und die Bestückung der Server zu finanzieren. Die OER-Produzenten stellen auf den Servern der Stiftung ihre Materialien bereit. Sie erhalten ein nutzungs- und erfolgsabhängiges Einmalhonorar, welches nach einem festgelegten Zeitraum sowohl die Anzahl der realen Klicks aus den in Frage kommenden deutschsprachigen Ländern als auch die Bewertung durch die Nutzer berücksichtigt. Bei der Festlegung der für die Honorierung zu berücksichtigenden Klicks könnte das Modell als Vorlage dienen, welches man bei YouTube einsetzt, um die Einnahmen mit den Partnern zu teilen. Manipulationsversuche werden herausgefiltert und mit Ausschluss vom Server bestraft. Allerdings werden hier keine beliebig hohen Werbeeinnahmen zwischen Plattformbetreibern und Autoren verteilt, sondern ein mit den Jahren anzupassender Anteil des ca. 400 Millionen Euro umfassenden Budgets für Bildungsmaterialien. Er wird bisher fast ausschließlich unter den Bildungsverlagen verteilt. Damit der Anteil für Verlage und Autoren möglichst gerecht ermittelt werden kann, müsste ein neutrales Gremium eingeschaltet werden. Das vom Gremium zu erarbeitende mathematische Modell zu Bewertung der OER-Beiträge wird ähnlich komplex sein wie Berechnungsmodelle in der Versicherungsmathematik. Letztendlich kommt es nur darauf an, dass Autoren motiviert werden, hochwertige frei zugängliche Ressourcen zu liefern damit unser Land durch gute Bildung wettbewerbsfähig bleibt. Gewerkschaften wie die GEW könnten zur Vertretung der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Interessen ihrer Mitglieder darauf hinwirken, dass OER durch eine staatliche Stiftung vorangebracht wird. Das wird ja auch in Ihrem Beitrag vorgeschlagen. Gute Bildung schafft gute Verdienstmöglichkeiten und damit ein hohes Steueraufkommen um Pädagogen besser zu bezahlen.

Im Sinn dieser Wechselwirkungen müssen Bildungskonzepte nicht „sexy“ sondern nachhaltig sein.

 

Konrad Rennert

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