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Zwischen Buch und Archivakte

KR&KI: Die Geschichte von Edith Miltenberger – und warum ihre Zuchthausakte heute online einsehbar ist

Am 24. Februar 2026 wurde im Stadtarchiv Felsberg das Buch
„Du bist nicht meine Feind!“ – Die vergessene Geschichte von Edith Miltenberger
von Dieter Vaupel vorgestellt.

In der szenischen Lesung übernahm Alida Scheibli die Rolle der Edith Miltenberger und begleitete den Abend musikalisch.

Was diese Veranstaltung jedoch besonders bemerkenswert macht:
Die im Buch behandelte Zuchthausakte ist heute im Internet über das hessische Archivinformationssystem einsehbar. Literatur und Primärquelle stehen somit erstmals nebeneinander öffentlich zur Verfügung.


1. Historischer Hintergrund: Wer war Edith Miltenberger?

Das Buch zeichnet die Lebensgeschichte von Edith Miltenberger nach, geborene Hahn, später geschiedene Clobes.

  • Geboren in Essen

  • Heirat mit Eduard Clobes in Gensungen

  • Kontakt zu französischen Kriegsgefangenen während des Zweiten Weltkriegs

  • Denunziation durch einen Aufseher

  • Inhaftierung und öffentliche Demütigung (Haarschur in Melsungen und Gensungen)

  • Zuchthausaufenthalt

  • Scheidung in Abwesenheit

  • Neubeginn mit Emil Miltenberger

  • Übersiedlung in die DDR

  • Tätigkeit als Volkspolizistin

  • Mutter von vier Kindern

Emil Miltenberger war Spanienkämpfer, Widerstandskämpfer und später höherer Funktionär der SED.

Das Buch verbindet biografische Erzählung mit lokaler Zeitgeschichte und zeigt exemplarisch, wie schnell soziale Ausgrenzung, Denunziation und staatliche Gewalt ineinandergreifen konnten.


2. Die Zuchthausakte als Primärquelle

Besonders bedeutsam für die lokale Erinnerungskultur ist:

Die Zuchthausakte von Edith Clobes (später Miltenberger) ist im Internet über das hessische Archivinformationssystem ARCINSYS recherchierbar.

Dort finden sich unter anderem:

  • Personalakten

  • behördliche Korrespondenz

  • zahlreiche Briefe

  • ein handgeschriebener Lebenslauf

Diese Dokumente ermöglichen:

  • Überprüfung der im Buch dargestellten Ereignisse

  • Einblick in juristische und bürokratische Abläufe

  • Verständnis für Mechanismen von Denunziation und sozialer Kontrolle

Didaktisch eröffnet das die Möglichkeit, zwischen Darstellung (Sekundärquelle) und Originaldokument (Primärquelle) zu unterscheiden und beides miteinander zu vergleichen.


3. Lokale Erinnerungskultur im Kontext

Im Anschluss an die Buchvorstellung entwickelte sich eine Diskussion über die fehlende oder verspätete Aufarbeitung von:

  • Holocaust

  • Mitläufertum

  • lokalen Verantwortlichkeiten

Ähnliche Beobachtungen machte ich zuvor in Bad Wildungen:
Die historische Umbenennung der Achse aus Brunnenstraße und Brunnenallee in „Adolf-Hitler-Straße“ 1933 sowie Enteignung und Ermordung jüdischer Eigentümer sind im Stadtbild bisher kaum sichtbar dokumentiert, wenn man von den Stolpersteinen absieht.

Solche Lücken in der öffentlichen Erinnerung zeigen, wie wichtig quellenbasierte Recherche ist.


4. Familiengeschichten und Zeitzeugenspuren

Die Auseinandersetzung mit Edith Miltenberger führte auch zu persönlichen Reflexionen:

  • In der Landwirtschaft meiner Großeltern väterlicherseits arbeitete eine junge Frau aus der Ukraine.

  • Auf dem Hof der Eltern meiner Schwiegermutter waren Kriegsgefangene aus Polen und Frankreich eingesetzt.

Im Fall meiner Schwiegermutter wurden die Kontakte nach dem Krieg wieder aufgenommen und bestehen unter den Nachkommen zum Teil bis heute fort.

Der Unterschied zu Ediths Umfeld in Felsberg und ihrer Demütigung in Melsungen scheint darin gelegen zu haben, dass an manchen Orten ein Klima herrschte, in dem Denunziation möglich und folgenreich war. In Felsberg gab es das erste Opfer in den Novemberprgromen 1938. In Melsungen spielte Dr. med Reinhardt eine unrühmliche Rolle, wie man im Internet nachlesen kann: https://parlamente.hessen.de/abgeordnete/1194202322-reinhardt-heinrich
Diese lokalen Unterschiede könnten ein wichtiger Gegenstand historischer Forschung sein.


5. Spruchkammerakten und weitere Quellen

Dr. Vaupel wies darauf hin, dass in Staatsarchiven die Spruchkammerakten zur Entnazifizierung zugänglich sind. Man findet sie über die Namenssuche z.B. zu dem im Buch abgebildeten Polizisten Erich Troch, geb. am 31,07. 1886

Diese enthalten Informationen über die Entnazifizierungsverfahren nach 1945 und geben Einblick in:

  • individuelle Verantwortung

  • Einstufung als Mitläufer, Belastete oder Entlastete

  • Rechtfertigungsnarrative der Nachkriegszeit

Solche Quellen sind für Bildungsarbeit besonders geeignet, da sie zeigen, wie Gesellschaften mit ihrer Vergangenheit umgehen.


6. Didaktische Nutzung: Vom Archiv zur Auswertung

Wer gelernt hat, eine Akte im Archivinformationssystem zu finden, kann grundsätzlich jede digital erschlossene Akte recherchieren.

Für die Bildungsarbeit ergeben sich folgende Lernziele:

  • Recherchekompetenz in digitalen Archiven

  • Unterscheidung zwischen Primär- und Sekundärquellen

  • Quellenkritik (Wer schreibt? In welchem Kontext? Mit welchem Interesse?)

  • Dokumentation und strukturierte Auswertung

  • Einordnung in größere historische Zusammenhänge

Projekte können beispielsweise umfassen:


7. Fazit: Transparenz schafft Verantwortung

Mehr als 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs besteht ein großes Interesse der Kinder- und Enkelgeneration an Aufklärung.

Die Kombination aus:

ermöglicht eine sachliche, transparente und überprüfbare Erinnerungskultur.

Dass die Zuchthausakte online einsehbar ist, markiert einen wichtigen Schritt:
Geschichte wird nicht nur erzählt – sie kann nachvollzogen werden.


Angebot zur Bildungsarbeit

Ich biete an, in Präsenz, hybrid oder online zu zeigen:

  • wie man Archivinformationssysteme nutzt

  • wie man historische Akten recherchiert

  • wie man mit gängigen Büro- und Digitalwerkzeugen quellenbasierte Dokumentationen erstellt

Ziel ist eine lokal verankerte, quellenbasierte Erinnerungskultur – nachvollziehbar, überprüfbar und für kommende Generationen zugänglich

Ein Kommentar

  1. dv dv

    Ein klasse Beitrag, der zeigt, wie es möglich ist, Literatur zu historischen Personen und Ereignissen mit Internetrecherche und Quellenarbeit auf intelligente Weise zu verbinden. So eröffnen sich Möglichkeiten, zu neuen, ergänzenden und weiterführenden Erkenntnissen zu kommen! Danke dafür Dr. Dieter Vaupel

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