Erinnerung und Gegenwart — Fünfzig Jahre Wehrdienstentscheidung
Wer 1974 vor der Entscheidung stand, den Wehrdienst anzutreten, blickte in eine völlig andere Welt. Ich verweigerte damals den Wehrdienst und verbrachte nur knapp zwei Wochen bei der Bundeswehr — ein Dienst, der meine Ablehnung klarer machte, als Worte es je könnten. Die erste Instanz erkannte meine Wehrdienstverweigererschaft nicht an; eine detaillierte Auseinandersetzung mit dieser biographischen Entscheidung habe ich in meinen Schriften zum Wehrpass dokumentiert, die beide Seite dieser Frage beleuchten: der Wehrpass als Dokument der Wehrpflicht-Debatten und Wehrpflicht als Frage von Gleichheit und Identität.
Ich wählte schließlich den Zivildienst als Sanitäter beim DRK im Krankentransport — 16 Monate, in denen ich mich selbst neu definieren musste. Verweigerung, das Töten zu lernen, war damals unvermeidbar: zu frisch war die Schuld der Wehrmacht, zu stark der Schatten des Vietnamkriegs, zu verlockend die Hoffnung auf eine neue Entspannungspolitik unter Brandt.
Heute, am 21. August 2026, auf dem Marktplatz von Meiningen, begegne ich einer Bundeswehr, die sich spürbar gewandelt hat — und einer jungen Generation, die Verantwortung neu definiert. Der Kontrast zu meiner eigenen Wehrdienstzeit ist nicht nur zeitlich messbar, sondern existenziell spürbar.
Bürgernähe und Feierlichkeit: Ein Tag mit zwei Gesichtern
Der Tag begann in der Kaserne Bad Salzungen. Von 10:00 bis 18:00 Uhr öffnete der Standort seine Tore für Angehörige und Interessierte — nicht als militärische Schauveranstaltung, sondern als echte Begegnung. Neben Truppenverpflegung und Kasernenrundgängen stand der direkte Austausch im Vordergrund. Fragen wurden gestellt und beantwortet, nicht abgefertigt.
Den Höhepunkt erlebte ich später auf dem historischen Marktplatz in Meiningen: Vor den Augen der Familien legten rund 100 Rekruten — freiwillig Wehrdienstleistende sowie Zeitsoldaten — ihr Gelöbnis beziehungsweise ihren Feierlichen Eid ab. Die feierliche Militärmusik gab der Zeremonie Würde, ohne sie zu inszenieren. Beschaulichkeit prägte den Ort, Ruhe die Atmosphäre — weitab von politischen Störaktionen, die solche Momente sonst oft begleiten.
Ein umfassender visueller und akustischer Eindruck der Zeremonie bietet dieses 12-minütige Video von Gelöbnis und Militärmusik, das Appell und Zeremonie in ihrer gesamten Länge dokumentiert.
Fehlerkultur statt Fehlerlosigkeit — Ein moderner Eindruck
Besonders prägend waren die persönlichen Beobachtungen unseres Enkels. Die Bundeswehr präsentiert sich heute als reflexive, fehlerkritische Institution: Als ein Vorgesetzter unzeitgemäße Führungsmethoden anzeigte, reagierte die Führung konsequent auf die Beschwerden der Rekruten. Keine Kaschierung, keine Vertuschung — sondern korrigierende Intervention.
Auch in praktischen Belangen — Sanitätsdienst, Ausrüstung, Schuhwerk — funktionierte das System reibungslos. Wichtiger noch: Die Soldatinnen und Soldaten vor Ort vermittelten ein bodenständiges Bild ohne Anzeichen extremistischer Tendenzen. Sie vertraten Verfassung, nicht Ideologie.
Das ist nicht die Bundeswehr, die ich 1974 kannte.
Ein persönliches Fazit — Die Grenze zwischen Pazifismus und Realität
Pazifismus allein schützt nicht vor imperialistischer Aggression — diese bittere Erkenntnis lehrt uns die gegenwärtige Weltlage mit erschreckender Klarheit. Wenn junge Menschen ihr Gelöbnis oder ihren Eid heute ernst nehmen und sich dabei für Verfassungstreue entscheiden, verdient das nicht Verachtung, sondern Respekt.
Müsste ich mich 2026 noch einmal entscheiden: Ich würde den Dienst in dieser Bundeswehr leisten.
Das ist kein Widerruf meiner Gewissensentscheidung von damals. Es ist die Anerkennung dafür, dass sich Institutionen ändern können — und müssen. Es ist auch die Einsicht, dass meine pazifistische Überzeugung von einst einen Partner braucht: eine Bundeswehr, die diesen Namen verdient.
Dieser Aufsatz entstand in Zusammenarbeit mit Claude (Anthropic). Die Strukturierung, Linkintegration und sprachliche Optimierung wurden von KI unterstützt; die historische Reflexion und persönliche Schlussfolgerung sind eigenes Denken des Autors. Methodische Transparenz ist Teil des KR&KI-Ansatzes.

