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Das Geschäft mit der Angst und dem Algorithmus: Oder: Der zertifizierte Trugschluss

KR&KI – Gemini formuliert KI-Geschäftemacherei im Reich-Ranicki-Stil:

Meine Damen und Herren, man muss in diesen Tagen wahrlich staunen. Und wer staunt, der staunt doppelt, wenn er sieht, wie unsere ehrwürdigen Tempel der Information – die Zeitungsverlage – plötzlich zu Krämern am digitalen Marktplatz mutieren.

Der neue Goldstandard heißt nicht mehr Gutenberg, sondern Generative Intelligenz. Und siehe da: Wo gestern noch die intellektuelle Elite des Landes über die Qualität eines Romans stritt, da verkauft man heute in aller Eile den zertifizierten Trugschluss.

Der Trick mit der Angst vor dem Rückstand

Die Melodie ist so alt wie der Kommerz selbst: Man erzeugt zunächst einen Handlungsdruck, der in seiner Dringlichkeit beinahe an die apokalyptischen Visionen der Heiligen Schrift heranreicht. Man blättert die Zeitung auf – und schon liest man vom Rückstand Deutschlands, von der Gefährdung der Wettbewerbsfähigkeit, von den  Prozent derer, die geschult sind, im Gegensatz zu den  Prozent in Amerika!

Pah!

Diese Zahlen sind keine Information, sie sind ein Verkaufsargument. Es ist das literarische Äquivalent zur Drohung des Hausarztes: „Sie müssen dringend etwas für Ihre Fitness tun – und zufällig verkaufe ich hier im Flur die passenden Nahrungsergänzungsmittel.“ Die Krise wird nicht analysiert, sie wird inszeniert, um die Lösung – die eigene, kostenpflichtige Akademie – direkt ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. Man nennt das heute Content Marketing, ich nenne es intellektuelle Täuschung.

Die Apotheke der kleinen Wahrheiten: FAZ und HNA

Hier haben wir nun zwei prächtige Beispiele für dieses Geschäft mit der KI-Hysterie:

1. Die Hohepriester der Strategie: Die FAZ Business Akademie

Die FAZ – sie tritt auf wie der Hochadel. Hier werden hochpreisige Seminare feilgeboten: Prompt Engineering für FührungskräfteKI-Agenten für das Top-Management. Man imaginiert den ehrgeizigen Prokuristen, der sich für  Euro in anderthalb Stunden die strategische Weisheit über die Zukunft des Geschäfts einhandeln will.

Was bekommt er? Die „PowerPoint-Praline“: Eine hübsch verpackte Übersicht, die ihm die Illusion vermittelt, die Komplexität der künstlichen Intelligenz in der Zeit einer ausgedehnten Mittagspause bewältigt zu haben. Der Wert dieser Weiterbildung liegt nicht im erworbenen Wissen, sondern im Titel auf der Visitenkarte. Die FAZ verkauft hier nicht Bildung, sie verkauft Selbstberuhigung.

2. Der bescheidene Gemüsehändler: Die HNA Akademie

Und dann die HNA! Hier geht es nicht um Strategie, sondern um die schlichte „Tablet-Angst“ der Region. Der Verlag leiht seinen Namen für ein paar Stunden zum Preis eines guten Sonntagsessens an eine Bildungsagentur, um Oma Erna beizubringen, wie das Android-Gerät zu bedienen sei.

Man nutzt die regionale Vertrautheit des Zeitungstitels – das, was man in den Morgenkaffee taucht – um Vertrauen in ein Produkt zu schaffen, das wenig mit Journalismus, aber viel mit digitaler Basishygiene zu tun hat. Die HNA verkauft hier nicht KI, sondern Linderung der digitalen Hilflosigkeit.

Das 90-Minuten-Zertifikat und der Fall des Dozenten

Besonders köstlich aber ist der formale Akt der Zertifizierung selbst. Nehmen wir den Fall jenes Dozenten, der klugerweise erkannt hat: Für mich ist der Inhalt des Seminars – zwei Unterrichtseinheiten! – völlig irrelevant.

Er sitzt die  Minuten ab, um am Ende das Siegel zu erhalten: das Audit-Papier, das den Prüfern belegt, er sei nunmehr KI-kompetent. Die alfatrainings dieser Welt nutzen diesen Dozess, (Anmerkung von KR: Prozess für Dozenten) um ihre eigene ISO-Zertifizierung zu sichern. Das ist keine Bildung, meine Damen und Herren, das ist gegenseitige Beglaubigung!

Das Zertifikat ist somit das Ablasspapier des Digitalzeitalters: Es befreit den Inhaber nicht von seiner Unwissenheit, sondern lediglich von der Nachweispflicht vor einem Auditor.

Schlusswort

Die wahre KI-Kompetenz, wie der kluge Herr feststellt, lernt man nicht in einem -minütigen Eilseminar, sondern bedürfnisorientiert, durch aktive Artikulation und das kritische Gespräch – mit inspirierenden Menschen, ob nun aus Fleisch und Blut oder aus dem Silizium.

Die Verlage aber haben die geistige Redlichkeit gegen das Gold des Kommerzes eingetauscht. Sie verkaufen uns die Verpackung – das Zertifikat – für die Idee, die wir uns gefälligst selbst erarbeiten müssen.

Ich prophezeie: Wenn der Taschenrechner bald so erklärungsbedürftig wird wie die künstliche Intelligenz, dann wird die FAZ sicher ein -Euro-Seminar anbieten: „Die strategische Bedeutung des Wurzelziehens für Führungskräfte – Jetzt zertifizieren lassen!“

Der Geist ist wach, aber das Geschäft ist unredlich. Und nun, meine Damen und Herren, zurück zur Literatur.