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Grenzen und Chancen KI-gestützter Historienrecherche

KR&KI: Das Recherchieren in historischen Quellen wird durch moderne Online-Datenbanken und KI-gestützte Texterkennung immer zugänglicher. Ein aktuelles Beispiel bietet das neue Online-Angebot der Süddeutschen Zeitung, über das sich die NSDAP-Mitgliederkartei nach Namen, Geburtsjahren und Orten durchsuchen lässt.

Doch so wertvoll diese Werkzeuge sind: Die Verantwortung für die kritische Überprüfung liegt weiterhin bei uns Menschen. Anhand einer konkreten Stichprobe möchte ich aufzeigen, wo automatische Transkriptionen an ihre Grenzen stoßen und wie wichtig der Abgleich mit realen Belegen ist.

Analyse des Titelbildes (von links nach rechts)

Mein Titelbild zeigt dreigeteilt den Rechercheprozess sowie den Abgleich der Daten:

  1. Links – Die Suchanfrage und das Systemergebnis: In der Suchmaske der Süddeutschen Zeitung habe ich nach Moritz Maus (Geburtsjahr 1893, Ort Bad Wildungen) gesucht. Die Plattform gibt als Treffer aus:
    • Moritz Maus, geboren am 1. Januar 1893 in Bad Wildungen, Schriftleiter, NSDAP-Eintritt am 1. Mai 1933.
  2. Mitte – Die originale Karteikarte (NSDAP-Mitgliederkartei): In der Mitte sehen wir das Digitalisat der ursprünglichen NSDAP-Karteikarte (Mitgliedsnummer 2.045.151).
    • In Sütterlinschrift ist säuberlich der Name Maus Moritz eingetragen, darunter der Wohnort Bad Wildungen (Brunnenallee 32) sowie der Beruf Schriftleiter (grün markiert).
    • Beim Geburtsdatum (gelb markiert) steht handschriftlich 1.8.93. Durch die historische Handschrift kann die „8“ leicht als „1“ fehlinterpretiert werden. Die automatische Erfassung / KI hat daraus in der digitalen Aufbereitung den 1.1.1893 gemacht (blau/gelb hervorgehoben).
  3. Rechts – Der Abgleich mit der lokalen Gedenktafel: Auf dem Foto rechts (dokumentiert auf meiner Website konrad-rennert.de/nh-11) ist die Gedenktafel an der Mauer nahe der Stadtkirche in Bad Wildungen zu sehen.
    • Inschrift: „In dankbarer Erinnerung an den Heimatforscher Moritz Maus zu seinem 75. Geburtstag am 1. August 1968 – Stadt Bad Wildungen.“
    • Ergebnis: Die Angabe auf der Gedenktafel bestätigt zweifelsfrei den 1. August 1893 als korrekten Geburtstag.

Menschliche Expertise vs. KI-Fabulieren

Man darf der KI hier keinen Vorwurf machen oder von „Halluzinieren“ sprechen: Handschriftliche Sütterlin-Einträge sind für automatische Erkennungssysteme schwer zu lesen, und eine flüchtige „8“ sieht einer „1“ oft verblüffend ähnlich.

Genau hier beginnt die Aufgabe des Rezipienten und Forschers: Plausibilität prüfen. Wenn wir Unstimmigkeiten feststellen, müssen wir weitere Belege heranziehen – sei es die lokale Überlieferung vor Ort oder Akten im Hessischen Staatsarchiv Marburg.

Potenzial für die lokale Ahnen- und Geschichtsforschung

Trotz kleinerer Transkriptionsfehler bieten Angebote wie das der Süddeutschen Zeitung enorme Chancen für die Lokal- und Familienforschung.

Anstatt nur abstrakte Debatten zu führen, können wir echte Akten als Grundlage nutzen. Ich habe diese Methode bereits für den Heimatort meiner Kindheit Höringhausen angewendet. Durch die Eingabe des Ortes und des Geburtsjahres konnte ich beispielsweise die NSDAP-Mitgliedschaft meines eigenen Großvaters recherchieren und mit bestehendem Faktenwissen abgleichen.

Weitere Fallbeispiele: Spurensuche in Dörfern nördlich des Edersees

In kleineren Orten und ländlichen Regionen wie in den ehemaligen Landkreisen Waldeck und Frankenberg bietet die KI-gestützte Recherche in der NSDAP-Mitgliederkartei eine faszinierende Möglichkeit, sich einen vollständigen Überblick zu verschaffen: Durch die überschaubaren Dorfgrößen lassen sich oft systematisch alle Personen ausfindig machen, die in einem Jahrgang (mögliche Jahrgänge ca. 1870 bis 1926) der Partei beigetreten sind.

Wie dabei persönliches Vorwissen, historische Ortskenntnis und fehlerhafte Übertragungen in den Dokumenten ineinandergreifen, zeigt der Abgleich am Beispiel der Orte Vöhl und Höringhausen.

Bildanalyse: Die Rechercheergebnisse im Detail

Das zweigeteilte Screenshot-Material dokumentiert zwei typische Recherchepfade in der Datenbank der Süddeutschen Zeitung:

  1. Links – Ortssuche Vöhl (Jahrgang 1912):
    • Suchparameter: Eingabe des Geburtsjahres 1912 und des Ortes Vöhl.
    • Ergebnis: Die Datenbank liefert 5 Treffer für diesen einzelnen Jahrgang in der kleinen Gemeinde. Bei den letzten 3 Treffern ist der Ortname nur ähnlich Vöhl.
    • Persönliche Zuordnung: Unter den Treffern finden sich konkrete Personen aus dem Bekanntenkreis und der Verwandtschaft – wie der angeheiratete Schwager meiner Mutter sowie deren Patenonkel. Insgesamt ließen sich im Ort Vöhl rund 20 Personen ermitteln, die ich (KR) aus meiner Kindheit namentlich durch Erzählungen kannte oder die mir als Verwandte persönlich bekannt waren.
  2. Rechts – Geburtstagssuche für meinen Großvater Albert Rennert:
    • Gefundener Datensatz: Albert Rennert, geboren am 27.01.1891, Beruf: Anstreicher, Eintritt: 01.05.1937 (Mitgliedsnummer 5.079.344).
    • Fehlerhafte Ortsangabe in der Quelle: Sowohl im originalen Karteikarten-Eintrag per Schreibmaschine als auch in der digitalen Erfassung steht fälschlicherweise „Hörnighaus.“ bzw. „Hörnighausen“ statt Höringhausen.
    • Rückschluss auf die Entstehung: Da der Ortsname gleich zweifach falsch geschrieben wurde, ist davon auszugehen, dass das Formular weder von Albert Rennert selbst noch von der örtlichen Verwaltung ausgefüllt wurde, sondern von einer externen Dienststelle, die den Dorfnamen nur nach Gehör festhielt.

Verifizierung durch persönliches Faktenwissen

Dass es sich trotz des falsch geschriebenen Ortsnamens zweifelsfrei um den eigenen Großvater handelt, bestätigt das genaue Geburtsdatum (27. Januar 1891 und der eingetragene Beruf):

  • Das Geburtsdatum verknüpft sich mit einer prägenden Anekdote aus seiner Lebensgeschichte: Als Kind feierte er am selben Tag Geburtstag wie Kaiser Wilhelm II. und hatte deshalb an seinem Geburtstag stets schulfrei.
  • Solch ein unumstößliches Faktenwissen aus Familienerzählungen ist unverzichtbar, um Schreibfehler im Datenmaterial (wie verfälschte Orts- oder Berufsangaben) zweifelsfrei aufzulösen. Quelle: https://share.google/aimode/9IZJcGPvIbTCkU0qM

Historische Differenzierung: Von Mitläufern und Profiteuren

Eintrittszeitpunkte differenzieren: Späte Eintritte (z. B. 1937) unterscheiden sich von Aktivisten vor 1933.
Formale Mitgliedschaft hinterfragen: Die Kartei beweist die Mitgliedschaft, aber nicht die individuelle Schuld.
Täterprofile unterscheiden: Das Spektrum reicht von passiven Mitläufern bis zu aktiven, rücksichtslosen Profiteuren.
Quellen klug kombinieren: Digitale Daten, lokale Berichte und kritischer Verstand sichern präzise Lokalgeschichte.
KI als Werkzeug nutzen: Digitale Tools helfen beim Einstieg, doch die finale Bewertung bleibt menschliche Arbeit.

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