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KR&KI: Was der Krieg mit Stalin, Chruschtschow, Putin und Hitler zu tun hat – und was nicht
Der Prompt von Konrad Rennert (KR):
Thema: Ukrainekrieg Nationalismus gegen Imperialismus
Vor 10 Monaten ist Dieter Hoppe gestorben: https://konrad-rennert.de/viele-megabyte-geschichte-nachruf-und-reportage-ueber-dieter-hoppe/
Ihm verdanke ich Einsichten, die er mir vor vielen Jahren zur Veröffentlichung übergab: https://heiligenberg-blog.de/wp-content/uploads/2014/05/Kommentar-zur-ZDF-Sendung-ueber-den-UeberlaeuferWlassow.pdf
Ich bitte jetzt verschiedene KIs, die Zusammenfassung meiner Gedanken zu einem Aufsatz im Stil von Dieter Hoppe zu formulieren und gebe folgenden Text vor: Die Ukrainer hassten die sowjetischen Bolschewisten, weil sie ihnen unter Stalin den Holodomor antaten, um deren Nationalismus zu unterdrücken.
Nikita Chruschtschow machte 1954 als Nachfolger Stalins den damals folgenlos erscheinenden Fehler, die Krim von der russischen Sowjetrepublik an die Ukrainische Sowjetrepublik zu übertragen, was damals unproblematisch erschien. Beide gehörten zum sowjetischen Imperium.
Als das sowjetische Imperium am Ende der Ära Gorbatschows zerfiel, blieb die Krim bei der Ukraine, samt dem Stützpunkt der nun russischen Schwarzmeerflotte.
In seinem Drang nach alter Größe holte Putin 2014 die Krim heim ins russische Reich und verspürte sowenig Widerstand wie Hitler 1938 als er von Deutschen besiedelte Gebiete heim ins 3. Reich holte. Weil er den Widerstand der Gegner unterschätzte, machte er weiter und löste den 2. Weltkrieg aus.
Die Krim reichte Putin nicht, um sein Imperium zu vergrößern und er nutzte aus, dass die Ukrainer in den Randgebieten die dort lebenden Russen unterdrückten. Putin unterstützte im April 2014 die widerrechtlich die ausgerufene „Volksrepublik Lugansk“. Ende Februar 2022 wurde das Gebiet international lediglich durch Russland, Syrien und Nordkorea anerkannt, kurz darauf annektierte Russland völkerrechtswidrig die Oblast Luhansk und machte dann, im Glauben, dass es so weiterging, den Versuch, die Ukraine im Handstreich zu übernehmen. Wie sich das zu einem Krieg mit unzähligen Opfern ausweitete, sehen wir heute. Der von Putin ausgelöste Krieg schweißte die Rest-Ukraine zu einer wehrfähigen Nation zusammen, die dem Imperialismus Putins mittlerweile gewachsen ist und modernste Kriegstechnologie entwickelt. Die Parallelen zum 2. Weltkrieg sind offensichtlich. Damals entwickelten Deutsche mit der V1 und V2 die ersten Marschflugkörper und weitreichenden Raketen, die damals aber noch nicht zielgenau feindliche Ziele Zerstören konnten. Die Ukrainer sind jetzt weiter. Mit KI und Unterstützung westlicher Technologie schaffen sie es, die russische Infrastruktur zunehmend zu zerstören.
Es bleibt bisher offen, ob es im Kampf Nationalismus gegen Imperialismus einen Sieger gibt, oder ob beide nicht nur unzählige Menschen verlieren, sondern auch noch das, was vor dem Krieg erreicht war.
In der Menschheitsgeschichte gibt es kaum Kriege, die den Beteiligten nachhaltig genutzt haben. Warum sollte das in diesem Fall anders sein?
Beantworte die journalistischen W-Fragen aus der Sicht von Dieter Hoppe und liefere für deine Ausarbeitung im Umfang von ca. 10 Seiten einen Quellennachweis, wie er bei wissenschaftlichen Arbeiten üblich ist.
Inhalt
Einleitung: Was würde Dieter Hoppe heute fragen?. 2
2. Warum hassten viele Ukrainer Stalin?. 3
3. Warum wurde die Krim 1954 ukrainisch?. 4
5. Warum nahm Putin die Krim 2014?. 6
6. Die Erinnerung an Hitler – eine zulässige Parallele?. 6
7. Unterdrückten die Ukrainer die Russen?. 7
9. Warum scheiterte Putins Blitzkrieg?. 9
10. Nationalismus gegen Imperialismus. 9
11. Warum erinnert das an den Zweiten Weltkrieg?. 10
12. Und wo liegt der Unterschied?. 11
13. Was hat der Krieg aus der Ukraine gemacht?. 12
14. Der technologische Wendepunkt 12
15. Der Vergleich mit V1 und V2. 13
16. Wenn der Krieg die Ukraine stärkt – wer gewinnt dann?. 14
17. Was wurde bereits zerstört?. 14
18. Warum verlieren vielleicht auch die Russen?. 15
19. Hat Putin also das Gegenteil erreicht?. 15
20. Nationalismus kann auch gefährlich werden. 16
21. Und was ist mit dem russischen Nationalismus?. 17
22. Was hätte Dieter Hoppe wahrscheinlich gefragt?. 17
23. Was bleibt vom Ausgangsgedanken?. 18
24. Die entscheidende Frage: Wie endet der Krieg?. 19
25. Und wer wird am Ende Recht behalten?. 19
Schluss: Was nützt ein Krieg?. 20
Journalistische W-Fragen zum Aufsatz. 21
Quellen- und Literaturverzeichnis. 22
Primärquellen und internationale Dokumente. 22
Wissenschaftliche Literatur. 23
Historische Vergleichsliteratur. 23
Empirische Daten zur Entwicklung der ukrainischen Identität 24
Technologische Entwicklung des Ukrainekriegs. 24
Zeitgenössischer Ausgangstext 24
Schlussbemerkung zur Methode. 24
Einleitung: Was würde Dieter Hoppe heute fragen?
Vor zehn Monaten ist Dieter Hoppe gestorben. Wer seine historischen Kommentare kannte, weiß, dass er sich mit einfachen Antworten selten zufriedengab. Sein Kommentar über General Wlassow und die sogenannten „Ostfreiwilligen“ war gerade deshalb interessant, weil er eine Geschichte gegen den Strich der damals verbreiteten Darstellung erzählte.
Hoppe misstraute historischen Erzählungen, wenn sie zu glatt erschienen. Er fragte: Wer erzählt die Geschichte? Welche Quellen wurden benutzt? Welche Quellen wurden weggelassen? Wem nützt eine bestimmte Interpretation? Und vor allem: Was geschieht, wenn man eine scheinbar feststehende historische Wahrheit einmal aus der Perspektive derjenigen betrachtet, die in ihr nicht vorkommen?
Sein Wlassow-Kommentar war allerdings nicht in allen historischen Behauptungen überzeugend. Einige seiner Thesen sind heute wissenschaftlich umstritten oder widerlegt. Gerade deshalb ist seine Methode interessanter als die Übernahme seiner einzelnen Urteile.
Auf den Ukrainekrieg übertragen, könnte seine Fragestellung lauten:
Was geschieht, wenn man den Krieg nicht nur als Auseinandersetzung zwischen Russland und der Ukraine betrachtet, sondern als Konflikt zwischen Nationalismus und Imperialismus?
Die Antwort ist komplizierter als die Frage.
Denn die Ukrainer sind nicht einfach die Vertreter eines friedlichen Nationalismus, während Russland ausschließlich aus imperialistischen Motiven handelt. Auch die ukrainische Geschichte kennt Nationalismus, Sprachpolitik, Erinnerungspolitik und den Versuch, eine gemeinsame nationale Identität herzustellen. Umgekehrt besteht Russland nicht aus einem einzigen imperialen Block. Auch dort leben Menschen, die den Krieg ablehnen, und viele Russen haben eine andere Vorstellung von ihrem Land als Wladimir Putin.
Trotzdem gibt es einen entscheidenden Unterschied:
Die Ukraine kämpft seit 2014 – und verstärkt seit dem 24. Februar 2022 – um die territoriale und politische Selbstbestimmung eines international anerkannten Staates.
Russland versucht, seine Vorstellung von der historischen Zugehörigkeit ukrainischer Gebiete mit militärischer Gewalt durchzusetzen.
Das ist der Kern des Konflikts.
1. Wer kämpft gegen wen?
Wer?
Auf der einen Seite steht die Ukraine als seit 1991 unabhängiger Staat. Auf der anderen Seite steht die Russische Föderation unter Wladimir Putin.
Der Konflikt ist aber größer als ein gewöhnlicher zwischenstaatlicher Krieg. Auf ukrainischer Seite kämpft eine Gesellschaft, deren nationale Identität sich im Verlauf des Konflikts stark verändert und verdichtet hat. Russland wiederum führt den Krieg nicht allein mit militärischen Mitteln, sondern mit einer historischen Erzählung: Russland und die Ukraine seien im Kern Teile einer gemeinsamen historischen und kulturellen Welt; die heutige ukrainische Staatlichkeit sei deshalb in wesentlichen Teilen ein historischer Irrtum.
Gerade hier beginnt die Auseinandersetzung zwischen Nationalismus und Imperialismus.
Der ukrainische Nationalismus sagt vereinfacht:
Wir sind Ukrainer und entscheiden selbst, welchem Staat wir angehören.
Der russische Imperialismus sagt vereinfacht:
Unsere gemeinsame Geschichte gibt Russland besondere Ansprüche auf die Gebiete und Menschen, die wir als Teil unserer historischen Welt betrachten.
Beides sind politische Konstruktionen.
Der Unterschied liegt darin, ob eine Nation ihre Identität benutzt, um einen eigenen Staat zu begründen – oder ob ein Staat die Identität seiner Nation benutzt, um über andere Staaten verfügen zu können.
2. Warum hassten viele Ukrainer Stalin?
Warum?
Eine der wichtigsten Voraussetzungen für das heutige ukrainische Nationalbewusstsein liegt in der sowjetischen Vergangenheit.
Die Ukraine war nach der Russischen Revolution kein gewöhnlicher Bestandteil eines freiwilligen Staatenbundes. Sie wurde Teil eines zentralisierten sowjetischen Machtstaates. Unter Stalin wurden Kollektivierung, politische Repression und Terror miteinander verbunden.
Besonders wichtig ist der Holodomor von 1932/33.
Millionen Menschen starben infolge der Hungerkatastrophe, die aus der Zwangskollektivierung, Getreidebeschlagnahmungen und der Politik der sowjetischen Führung hervorging. Die historische Forschung diskutiert bis heute die genaue Gewichtung der Motive und die Frage nach der völkerrechtlichen und historischen Einordnung als Genozid. Unstrittig ist jedoch, dass die sowjetische Politik in der Ukraine eine katastrophale Hungersnot verursachte und dass Stalin gleichzeitig gegen ukrainische politische und kulturelle Eliten vorging. Die Forschung zur sowjetischen Nationalitätenpolitik zeigt ausdrücklich, dass sich nach dem Holodomor die Politik gegenüber der ukrainischen Nationalbewegung veränderte.
Hier liegt eine historische Erfahrung, die für die spätere Entwicklung des ukrainischen Nationalbewusstseins entscheidend wurde.
Man darf deshalb nicht einfach sagen:
Die Ukrainer wurden erst 1991 zu einer Nation.
Das Gegenteil ist richtiger.
Die ukrainische nationale Bewegung war wesentlich älter. Die sowjetische Herrschaft konnte sie unterdrücken, aber nicht beseitigen.
3. Warum wurde die Krim 1954 ukrainisch?
Wann?
Wer entschied?
Nicht Nikita Chruschtschow allein.
Das ist eine wichtige Korrektur des Ausgangstextes.
Die Übertragung der Krim von der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik auf die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik wurde im Februar 1954 beschlossen und anschließend durch die sowjetischen Institutionen bestätigt.
Die Vorstellung, Chruschtschow habe der Ukraine die Krim spontan als persönliches Geschenk gemacht, ist historisch irreführend. Neuere Forschung hat gerade diesen Mythos untersucht. Die Übertragung entsprach den damaligen sowjetischen Rechts- und Verwaltungspraktiken und wurde vor allem mit wirtschaftlichen und infrastrukturellen Zusammenhängen begründet.
Damals war die Frage allerdings von einer völlig anderen Bedeutung.
Russische und ukrainische Sowjetrepublik gehörten demselben Staat an.
Niemand musste an eine internationale Grenze denken.
Die Verschiebung einer innerstaatlichen Verwaltungsgrenze war deshalb politisch etwas völlig anderes als eine Grenzveränderung zwischen zwei souveränen Staaten.
Das wurde erst 1991 zum Problem.
4. Was geschah 1991?
Was änderte sich?
Alles.
Mit dem Zerfall der Sowjetunion wurden aus Verwaltungsgrenzen internationale Staatsgrenzen.
Die Ukraine wurde unabhängig.
Damit wurde aus einer inneren sowjetischen Verwaltungsentscheidung eine internationale Grenzfrage.
Auch die Krim blieb Bestandteil der Ukraine.
Russland akzeptierte diese Realität zunächst staatsvertraglich. Das gilt auch für die Stationierung der russischen Schwarzmeerflotte.
Die russische Flotte verschwand nach 1991 keineswegs aus Sewastopol. Russland und die Ukraine schlossen vielmehr 1997 Verträge über die Aufteilung der ehemaligen sowjetischen Schwarzmeerflotte und die Nutzung von Einrichtungen in der Ukraine. 2010 wurde die Stationierung bis 2042 verlängert.
Das ist wichtig.
Denn die russische Flotte auf der Krim war 2014 nicht plötzlich ein illegaler Fremdkörper.
Sie war dort aufgrund von Verträgen.
Putin brauchte die Krim also nicht zurückzuerobern, um Zugang zu Sewastopol zu bekommen.
Er hatte ihn bereits.
Das macht die spätere Annexion umso interessanter.
5. Warum nahm Putin die Krim 2014?
Warum?
Hier beginnt die eigentliche imperialpolitische Dimension.
2014 zerfiel nach dem Euromaidan die politische Ordnung der Ukraine. Russland nutzte die Situation und übernahm die Kontrolle über die Krim.
Das anschließend organisierte Referendum wurde von der Ukraine nicht genehmigt und von der UN-Generalversammlung nicht als Grundlage einer rechtmäßigen Grenzveränderung anerkannt. Die Resolution 68/262 bestätigte ausdrücklich die territoriale Integrität der Ukraine innerhalb ihrer international anerkannten Grenzen.
Russland bezeichnete die Vorgänge als Wiedervereinigung.
International wurde die Annexion überwiegend als völkerrechtswidrige Gebietsaneignung bewertet.
Hier wird ein grundlegendes Problem sichtbar:
Wer entscheidet über die Zugehörigkeit eines Gebietes?
Die Bevölkerung?
Der bestehende Staat?
Eine Schutzmacht?
Oder eine Großmacht, die behauptet, das Gebiet sei historisch eigentlich ihr eigenes?
Genau diese Frage verbindet 2014 mit den europäischen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts.
6. Die Erinnerung an Hitler – eine zulässige Parallele?
Ist der Vergleich mit Hitler 1938 erlaubt?
Ja – wenn man ihn als Vergleich und nicht als Gleichsetzung verwendet.
Hitler verlangte 1938 die Eingliederung des Sudetenlandes in das Deutsche Reich mit dem Argument, dort lebten Deutsche. Die nationalsozialistische Propaganda stellte die Deutschen außerhalb des Reiches als unterdrückte Volksgenossen dar.
Die westlichen Mächte akzeptierten in München die Abtretung des Sudetenlandes. Hitler versprach im Gegenzug, keine weiteren territorialen Forderungen zu stellen.
Das Versprechen hielt nicht lange.
Im März 1939 besetzte Deutschland die tschechischen Gebiete. Im September 1939 begann mit dem Angriff auf Polen der Zweite Weltkrieg.
Die Parallele zu Putin lautet deshalb nicht:
Putin ist Hitler.
Das wäre historisch und analytisch zu simpel.
Die Parallele lautet:
Eine Großmacht begründet territoriale Ansprüche unter anderem mit dem Schutz bzw. der Zugehörigkeit einer ethnisch oder kulturell verwandten Bevölkerung.
Das ist ein Muster, das gefährlich werden kann.
Denn wenn eine Großmacht sagt:
Dort leben Menschen, die zu uns gehören,
dann folgt daraus noch lange nicht:
Deshalb gehört das Gebiet uns.
Genau diese Schlussfolgerung ist das Problem.
7. Unterdrückten die Ukrainer die Russen?
Was ist mit den russischsprachigen Menschen in der Ukraine?
Hier darf die Gegenposition nicht unterschlagen werden.
Die Ukraine hatte und hat eine komplizierte Sprach- und Identitätsgeschichte. Besonders im Osten und Süden des Landes leben viele Menschen, deren Alltagssprache Russisch oder eine Mischung aus Russisch und Ukrainisch war.
Auch die ukrainische Politik betrieb nach 2014 eine verstärkte Ukrainisierung des öffentlichen Lebens.
Das kann man kritisieren.
Man kann über Minderheitenrechte, Sprachpolitik und die Behandlung russischsprachiger Ukrainer diskutieren.
Man darf daraus aber nicht automatisch eine russische Schutzpflicht ableiten.
Denn russischsprachig zu sein bedeutet nicht, russischer Staatsbürger sein zu wollen.
Genau diese Unterscheidung wurde im Krieg entscheidend.
Bemerkenswert ist nämlich, dass die russische Invasion die ukrainische Identität nicht zerstört, sondern erheblich verstärkt hat.
Nach Untersuchungen des Kyiv International Institute of Sociology identifizierten sich nach 2022 durchschnittlich rund 80 Prozent der Befragten primär als Bürger der Ukraine; vor 2022 lag der Durchschnitt bei etwa 60 Prozent.
Auch die Sprachentwicklung ist bemerkenswert. 2024 bezeichneten 78,4 Prozent der Befragten Ukrainisch als ihre Muttersprache, während dieser Anteil 2006 bei 52 Prozent gelegen hatte.
Der Krieg hat damit einen paradoxen Effekt:
Putin wollte die Ukraine schwächen. Er hat wesentlich dazu beigetragen, dass sich die Ukrainer stärker als Nation verstehen.
8. Was geschah im Donbass?
Wo begann der nächste Schritt?
Im Frühjahr 2014 entstanden in Teilen des Donbass separatistische Gebilde.
Die sogenannte „Volksrepublik Luhansk“ wurde im April 2014 ausgerufen.
Russland unterstützte die separatistischen Strukturen politisch, militärisch und materiell. Die genaue Gewichtung einzelner Formen der Unterstützung ist Gegenstand umfangreicher Forschung, aber die Vorstellung eines rein innerukrainischen Bürgerkriegs ohne russische Beteiligung hält einer historischen Prüfung nicht stand.
2014 und 2015 wurden die Minsk-Vereinbarungen ausgehandelt. Sie sollten unter anderem Waffenstillstand, Abzug schwerer Waffen und eine politische Regelung ermöglichen. Die OSZE dokumentierte die Vereinbarungen und ihre Ziele ausdrücklich.
Eine dauerhafte Lösung wurde nicht erreicht.
Am 21. Februar 2022 erkannte Russland die sogenannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk als unabhängig an.
Der UN-Generalsekretär bezeichnete diese Anerkennung ausdrücklich als Verletzung der territorialen Integrität und Souveränität der Ukraine.
Das war nur drei Tage vor dem Beginn der russischen Großinvasion.
9. Warum scheiterte Putins Blitzkrieg?
Was glaubte Putin?
Eine sichere Antwort kann nur Putin selbst geben.
Aber die Entwicklung des Jahres 2022 legt eine Annahme nahe:
Die russische Führung unterschätzte die Fähigkeit des ukrainischen Staates und der ukrainischen Gesellschaft zum Widerstand.
Die russische Invasion begann am 24. Februar 2022 mit Angriffen auf die Ukraine von mehreren Seiten.
Die Erwartung eines schnellen Zusammenbruchs der ukrainischen Staatsführung erfüllte sich nicht.
Das ist vielleicht der wichtigste Unterschied zwischen der Ukraine von 2014 und der Ukraine von 2022.
2014 war die Ukraine politisch, militärisch und gesellschaftlich erheblich schwächer.
Acht Jahre später war aus dem Konflikt im Donbass eine umfassende Mobilisierungserfahrung entstanden.
Und aus dem Angriff von 2022 entstand etwas, womit Moskau offenbar nicht gerechnet hatte:
eine ukrainische Nation, die sich im Krieg selbst definierte.
10. Nationalismus gegen Imperialismus
Was ist also der eigentliche Konflikt?
Hier hilft der Begriff Nationalismus.
Nationalismus ist nicht automatisch etwas Schlechtes.
Ein Nationalstaat kann seinen Bürgern ermöglichen, ihre politische Zukunft selbst zu bestimmen.
Nationalismus wird gefährlich, wenn er daraus eine Rangordnung der Völker macht.
Imperialismus geht einen Schritt weiter.
Er beansprucht Einfluss, Herrschaft oder Territorium über andere politische Gemeinschaften.
Das russische Problem liegt deshalb nicht darin, dass Russland national gesinnt ist.
Das Problem beginnt dort, wo aus russischer nationaler Identität ein Anspruch auf die politische Verfügungsgewalt über andere Völker entsteht.
Das lässt sich auch an Putins Geschichtsverständnis erkennen.
Die ukrainische Nation wird in dieser Vorstellung nicht als vollständig eigenständiges historisches Subjekt akzeptiert.
Damit wird die Frage nach dem Recht auf Selbstbestimmung zum zentralen Konflikt.
Die Ukrainer sagen:
Wir entscheiden selbst, wer wir sind.
Putins politisches Geschichtsbild antwortet:
Eure Geschichte verpflichtet euch zu einer bestimmten Beziehung mit Russland.
Das ist der Gegensatz.
11. Warum erinnert das an den Zweiten Weltkrieg?
Welche Parallelen gibt es tatsächlich?
Es gibt mehrere.
Erstens:
Die Berufung auf historisch oder ethnisch verbundene Bevölkerungen.
Zweitens:
Die Behauptung, andere Staaten würden die eigene Bevölkerung unterdrücken.
Drittens:
Die schrittweise Ausweitung territorialer Forderungen.
Viertens:
Die Hoffnung, der Gegner werde nicht oder nur begrenzt Widerstand leisten.
Fünftens:
Die Gefahr, dass ein begrenzter Konflikt durch Fehlkalkulation zu einem größeren Krieg wird.
Die Geschichte von 1938/39 zeigt, wie gefährlich eine Politik werden kann, bei der eine Großmacht immer wieder feststellen muss, dass ihre bisherigen Erfolge billig zu haben waren.
Österreich.
Sudetenland.
Rest-Tschechei.
Memel.
Polen.
Die deutsche Expansion führte schließlich in den Weltkrieg. Das US Holocaust Memorial Museum beschreibt diese Abfolge ausdrücklich als eine Serie territorialer Aggressionen, die 1939 mit dem deutschen Angriff auf Polen in den Zweiten Weltkrieg mündete.
Aber noch einmal:
Die Geschichte wiederholt sich nicht.
Sie liefert lediglich Vergleichsmöglichkeiten.
12. Und wo liegt der Unterschied?
Was unterscheidet den Ukrainekrieg vom Zweiten Weltkrieg?
Sehr viel.
Hitlers Deutschland war eine totalitäre rassistische Diktatur, deren Expansion mit einer systematischen Vernichtungs- und Eroberungspolitik verbunden war.
Russland unter Putin ist autoritär und führt einen Angriffskrieg, aber es ist nicht das nationalsozialistische Deutschland.
Wer beide Systeme gleichsetzt, zerstört die historische Aussagekraft des Vergleichs.
Der Vergleich muss deshalb auf der Ebene bestimmter Mechanismen stattfinden:
- territoriale Expansion,
- historische Rückgriffsargumente,
- Schutzbehauptungen für ethnisch Verwandte,
- Missachtung der Souveränität kleinerer Staaten,
- Fehleinschätzung der internationalen Reaktion,
- Eskalation nach anfänglichen Erfolgen.
Nicht auf der Ebene:
Putin = Hitler.
Das wäre keine historische Analyse, sondern eine politische Etikettierung.
13. Was hat der Krieg aus der Ukraine gemacht?
Was ist aus dem ukrainischen Nationalismus geworden?
Hier liegt eine der bemerkenswertesten Entwicklungen des Krieges.
Vor 2014 war die Ukraine politisch und kulturell stark geteilt.
Es gab unterschiedliche Vorstellungen von Europa und Russland.
Es gab unterschiedliche Sprachräume.
Es gab unterschiedliche historische Erinnerungen.
Die russische Intervention hat diese Unterschiede nicht verschwinden lassen.
Aber sie hat die Frage nach der politischen Zugehörigkeit neu beantwortet.
Die Antwort lautet für immer mehr Ukrainer:
Ukraine.
Eine Studie in „Perspectives on Politics“ kommt zu dem Ergebnis, dass die Unterstützung für Demokratie in der Ukraine nach der russischen Intervention 2014 und nochmals nach der Großinvasion 2022 deutlich zunahm.
Das ist politisch bemerkenswert.
Putins Vorstellung, eine ukrainische Nation sei im Wesentlichen ein künstliches Produkt westlicher Politik, wird durch diese Entwicklung nicht bestätigt.
Der Krieg hat eine ukrainische politische Nation hervorgebracht, die stärker ist als vor 2014.
14. Der technologische Wendepunkt
Was ist heute anders als 1939 oder 1941?
Die Antwort lautet:
Die Technologie.
Der Ukrainekrieg ist der erste große europäische Krieg, in dem Drohnen, Satellitenkommunikation, digitale Aufklärung, künstliche Intelligenz und automatisierte Systeme in einer bisher nicht gekannten Dichte miteinander verbunden werden.
Dabei sollte man vorsichtig sein.
Nicht jede ukrainische Drohne arbeitet mit künstlicher Intelligenz.
Nicht jeder Treffer ist ein KI-Treffer.
Aber die Verbindung von Sensorik, Datenverarbeitung, Navigation, Bildauswertung und unbemannten Systemen verändert die Kriegführung.
Die Ukraine hat in den vergangenen Jahren eine leistungsfähige eigene Drohnenindustrie aufgebaut.
2026 berichtete das ukrainische Verteidigungsministerium von einer zunehmenden Reichweite ukrainischer Deep-Strike-Systeme bis in Entfernungen von rund 1.750 Kilometern.
Auch westliche Berichte beschreiben 2026 eine stark wachsende ukrainische Produktion von Drohnen und Robotersystemen.
Damit entsteht eine neue militärische Situation:
Ein zahlenmäßig unterlegener Staat kann den größeren Gegner mit relativ billigen, intelligent vernetzten und weitreichenden unbemannten Systemen empfindlich treffen.
15. Der Vergleich mit V1 und V2
Ist die Parallele zur deutschen V1 und V2 sinnvoll?
Nur eingeschränkt.
Die deutschen V1- und V2-Waffen waren technische Pionierleistungen, aber sie waren keine Präzisionswaffen im heutigen Sinn.
Die V2 konnte große Entfernungen überbrücken, war aber nicht in der Lage, ihr Ziel während des Fluges präzise anzusteuern.
Heute können unbemannte Systeme dagegen durch Navigation, Sensorik und digitale Daten wesentlich gezielter eingesetzt werden.
Die entscheidende historische Parallele ist deshalb nicht:
Ukraine = neues Deutschland.
Sondern:
Krieg beschleunigt technische Innovation.
Das war 1944/45 so.
Das ist heute wieder so.
Der Krieg zwingt Ingenieure, schneller zu entwickeln, billiger zu produzieren und Systeme an reale Kampferfahrungen anzupassen.
Die Ukraine ist deshalb zu einem Labor der modernen Kriegführung geworden.
Das ist zugleich faszinierend und erschreckend.
16. Wenn der Krieg die Ukraine stärkt – wer gewinnt dann?
Wer ist der Gewinner?
Diese Frage könnte am Ende die falsche Frage sein.
Militärisch kann die Ukraine gewinnen, wenn sie ihre staatliche Existenz, ihre territoriale Handlungsfähigkeit und ihre politische Selbstbestimmung bewahrt.
Russland kann gleichzeitig behaupten, seine Sicherheitsinteressen verteidigt zu haben.
Beide Erzählungen können politisch weiterexistieren.
Aber die Menschen können nicht gleichzeitig gewinnen.
Sie verlieren.
Die Toten verlieren.
Die Verwundeten verlieren.
Die Vertriebenen verlieren.
Die zerstörten Städte verlieren.
Die Familien verlieren.
Und selbst die Sieger eines Krieges übernehmen anschließend eine Gesellschaft, die durch den Krieg verändert wurde.
17. Was wurde bereits zerstört?
Was steht auf dem Spiel?
Nicht nur Territorium.
Auch die Zukunft.
Wohnungen, Schulen, Kraftwerke, Verkehrswege und Produktionsanlagen können wieder aufgebaut werden.
Menschenleben nicht.
Noch schwieriger ist der Verlust von Vertrauen.
Ukrainer und Russen hatten über Jahrzehnte familiäre, kulturelle und wirtschaftliche Beziehungen.
Heute sind diese Beziehungen vielfach zerstört.
Die ukrainische Gesellschaft betrachtet Russland zunehmend als Aggressor.
Umgekehrt wird in Russland die Ukraine vielfach als feindlicher Staat dargestellt.
Das ist genau das Gegenteil dessen, was eine gemeinsame europäische Zukunft nach dem Ende des Kalten Krieges hätte sein können.
18. Warum verlieren vielleicht auch die Russen?
Was bedeutet der Krieg für Russland?
Russland besitzt enorme Ressourcen.
Es verfügt über eine große Bevölkerung, Rohstoffe, industrielle Fähigkeiten und Atomwaffen.
Aber jeder Krieg hat Opportunitätskosten.
Geld, das in Waffen fließt, kann nicht gleichzeitig in Schulen, Infrastruktur oder zivile Forschung fließen.
Menschen, die an der Front sterben oder verwundet werden, fehlen der Gesellschaft.
Technologien, die für militärische Zwecke entwickelt werden, können zivile Innovationen fördern – aber sie können ebenso eine Gesellschaft militarisieren.
Und schließlich verliert Russland etwas, das schwer messbar ist:
Vertrauen.
Die Ukraine war vor 2022 ein Nachbarstaat.
Heute ist sie Russlands erbittertster Gegner.
Das ist auch ein Ergebnis russischer Politik.
19. Hat Putin also das Gegenteil erreicht?
Was könnte Putin langfristig bewirkt haben?
Vielleicht genau das Gegenteil dessen, was er wollte.
Er wollte die Ukraine von einer engeren Westbindung abhalten.
Die Ukraine wurde westlicher.
Er wollte verhindern, dass die Ukraine sich militärisch entwickelt.
Die Ukraine entwickelte eine leistungsfähige Rüstungs- und Drohnenindustrie.
Er wollte die ukrainische nationale Identität schwächen.
Sie wurde stärker.
Er wollte die NATO zurückdrängen.
Die NATO wurde durch den Krieg in Europa wieder zu einem zentralen Sicherheitsbündnis.
Das bedeutet nicht, dass Russland „verloren“ hat.
Aber es bedeutet, dass politische Ziele und politische Ergebnisse auseinanderfallen können.
20. Nationalismus kann auch gefährlich werden
Ist der ukrainische Nationalismus deshalb automatisch gut?
Nein.
Das wäre die nächste Vereinfachung.
Ein Nationalismus, der die eigene Sprache, Kultur und staatliche Unabhängigkeit bewahren will, kann legitim sein.
Er kann aber auch Minderheiten ausgrenzen.
Er kann Geschichte verklären.
Er kann Kollaborationäre zu Helden erklären.
Er kann die eigene Nation moralisch überhöhen.
Gerade deshalb muss auch die Ukraine kritisch betrachtet werden.
Die Frage lautet nicht:
Ist ukrainischer Nationalismus gut und russischer Nationalismus schlecht?
Die bessere Frage lautet:
Welche politischen Konsequenzen zieht ein Nationalismus?
Akzeptiert er die Gleichheit anderer Nationen?
Akzeptiert er Grenzen?
Akzeptiert er Minderheiten?
Akzeptiert er politische Opposition?
Und akzeptiert er das Recht eines anderen Staates, seine Bündnisse selbst zu wählen?
An diesen Fragen muss sich jede nationale Bewegung messen lassen.
21. Und was ist mit dem russischen Nationalismus?
Ist Russland nur Imperialismus?
Auch das wäre zu einfach.
Russland besitzt eine echte nationale Geschichte.
Russische Menschen haben allen Grund, stolz auf Literatur, Musik, Wissenschaft, Raumfahrt und Kultur ihres Landes zu sein.
Tolstoi ist nicht Putin.
Dostojewski ist nicht der Kreml.
Gagarin ist nicht der russische Generalstab.
Tschaikowski ist nicht die russische Armee.
Gerade deshalb muss zwischen Russland und Putins politischem Projekt unterschieden werden.
Imperialismus ist keine unvermeidliche Eigenschaft eines Volkes.
Er ist eine politische Entscheidung.
22. Was hätte Dieter Hoppe wahrscheinlich gefragt?
Warum sollte man die Geschichte nicht aus der Sicht der Verlierer erzählen?
Hier liegt vielleicht die stärkste Verbindung zu Hoppes Wlassow-Kommentar.
Hoppe wollte wissen, warum Menschen, die auf sowjetischer Seite gegen Hitler gekämpft hatten, später zu Kollaborateuren oder Verrätern erklärt wurden.
Seine Perspektive war:
Vielleicht gab es Menschen, die gleichzeitig gegen Stalin und gegen Hitler standen.
Diese Überlegung ist für die Ukraine interessant.
Denn auch dort darf man nicht in zwei einfache Lager einteilen:
Russland oder Ukraine.
Putin oder NATO.
Nationalist oder Imperialist.
Pro-Westler oder Pro-Russe.
Die Geschichte ist komplizierter.
Ein russischsprachiger Ukrainer kann Patriot der Ukraine sein.
Ein Russe kann Gegner Putins sein.
Ein ukrainischer Nationalist kann demokratisch sein.
Ein russischer Nationalist kann imperialistisch sein.
Ein westlicher Politiker kann Frieden wollen und dennoch die russische Aggression ablehnen.
Und ein ukrainischer Politiker kann für die territoriale Integrität seines Landes kämpfen und zugleich Fehler machen.
Das ist die eigentliche Lektion aus einer kritischen Geschichtsbetrachtung.
23. Was bleibt vom Ausgangsgedanken?
Der Ausgangsgedanke lautet:
Nationalismus gegen Imperialismus.
Er ist stark genug für eine Analyse, wenn man ihn nicht als fertige moralische Antwort verwendet.
Die Ukraine ist in den vergangenen Jahren zu einer Nation geworden, deren Bürger ihre politische Gemeinschaft zunehmend unabhängig von Sprache, Religion und regionaler Herkunft verstehen.
Russland wiederum hat unter Putin ein Geschichtsbild entwickelt, in dem die Auflösung der Sowjetunion nicht nur als geopolitische Niederlage, sondern als historische Katastrophe erscheint.
Aus dieser Sicht wird die Ukraine nicht einfach als Nachbarstaat betrachtet.
Sie wird zum Bestandteil einer verlorenen historischen Ordnung.
Genau hier beginnt der Imperialismus.
Nicht dort, wo ein Volk stolz auf seine Geschichte ist.
Sondern dort, wo aus Geschichte ein Besitzanspruch wird.
24. Die entscheidende Frage: Wie endet der Krieg?
Wann ist der Krieg vorbei?
Das lässt sich heute nicht seriös beantworten.
Ein Waffenstillstand wäre noch kein Frieden.
Ein Friedensvertrag wäre noch keine Versöhnung.
Eine militärische Niederlage Russlands wäre noch kein Ende russischen Imperialdenkens.
Eine ukrainische Rückeroberung aller Gebiete wäre noch keine Lösung aller ukrainischen Probleme.
Und eine russische Kontrolle über weitere Gebiete würde die ukrainische Nation nicht automatisch auslöschen.
Vielleicht ist deshalb die wichtigste Lehre aus der Geschichte:
Territoriale Lösungen können politische Konflikte beenden. Sie können historische Konflikte aber auch nur einfrieren.
25. Und wer wird am Ende Recht behalten?
Wer gewinnt den Streit zwischen Nationalismus und Imperialismus?
Vielleicht keiner.
Der ukrainische Nationalismus kann die Ukraine retten.
Er kann aber auch nach dem Krieg zu einer neuen politischen Versuchung werden.
Der russische Imperialismus kann kurzfristig Territorien erobern.
Er kann aber langfristig genau die Nation stärken, deren Selbstständigkeit er verhindern wollte.
Die moderne Kriegstechnik kann dem Schwächeren ermöglichen, sich gegen den Stärkeren zu behaupten.
Sie kann aber gleichzeitig die Zerstörungskraft beider Seiten erhöhen.
Und künstliche Intelligenz kann dabei helfen, Ziele zu finden, Waffen zu steuern und militärische Entscheidungen zu beschleunigen.
Sie kann aber nicht beantworten, ob ein Krieg politisch sinnvoll ist.
Das bleibt eine menschliche Entscheidung.
Schluss: Was nützt ein Krieg?
In der Menschheitsgeschichte gibt es kaum Kriege, die allen Beteiligten nachhaltig genutzt haben.
Gewinner gab es.
Verlierer gab es.
Aber selbst die Gewinner mussten meistens einen hohen Preis bezahlen.
Deshalb bleibt die entscheidende Frage:
Warum sollte es diesmal anders sein?
Vielleicht wird die Ukraine am Ende souveräner, demokratischer und technologisch stärker aus dem Krieg hervorgehen.
Vielleicht wird Russland trotz aller Verluste einen Teil seiner Ziele erreichen.
Vielleicht wird Europa militärisch stärker, wirtschaftlich aber ärmer.
Vielleicht wird die Ukraine irgendwann Mitglied der Europäischen Union und die russische Gesellschaft in einigen Jahrzehnten selbst fragen, warum sie diesen Krieg geführt hat.
Vielleicht kommt es anders.
Geschichte kennt keine Garantie.
Aber sie kennt Warnzeichen.
Eines dieser Warnzeichen lautet:
Wenn eine Großmacht beginnt, die Grenzen eines Nachbarstaates mit der eigenen Geschichte zu begründen, sollte die Welt sehr genau zuhören.
Denn aus Geschichte kann Erinnerung werden.
Aus Erinnerung kann Nationalismus werden.
Aus Nationalismus kann Imperialismus werden.
Und aus Imperialismus kann Krieg werden.
Dieter Hoppe hätte vermutlich an dieser Stelle nicht aufgehört zu fragen.
Er hätte vermutlich gefragt:
Wer erzählt uns eigentlich diese Geschichte – und was verschweigt er?
Diese Frage muss auch für die ukrainische Seite gelten.
Aber sie darf nicht dazu führen, dass die zentrale Tatsache verschwindet:
Die Ukraine ist ein souveräner Staat.
Ihre Grenzen dürfen nicht dadurch verändert werden, dass eine größere Nachbarmacht erklärt, Teile ihrer Geschichte gehörten eigentlich ihr.
Das ist der Punkt, an dem Nationalismus und Imperialismus auseinanderfallen.
Und vielleicht ist das die wichtigste Lehre aus diesem Krieg:
Eine Nation darf ihre Geschichte besitzen. Sie darf aber nicht deshalb einen anderen Staat besitzen.
Journalistische W-Fragen zum Aufsatz
| W-Frage | Antwort |
| Wer? | Ukraine und Russland; dahinter stehen ukrainische nationale Selbstbehauptung und russischer imperialer Machtanspruch. |
| Was? | Ein Krieg um Territorium, Staatlichkeit, politische Selbstbestimmung und die historische Deutung der Ukraine. |
| Wann? | Vorgeschichte seit Stalin und 1954; entscheidende Zäsuren 1991, 2014 und 2022; gegenwärtige Phase des Krieges 2026. |
| Wo? | Vor allem Ukraine und Russland, mit besonderer Bedeutung von Krim, Donbass und den ukrainischen Grenzregionen. |
| Warum? | Unterschiedliche Vorstellungen von ukrainischer Selbstbestimmung, russischem Sicherheitsraum, Geschichte und imperialer Zugehörigkeit. |
| Wie? | Zunächst durch politische Einflussnahme und hybride Kriegführung, seit 2014 durch militärische Gewalt und seit 2022 durch einen umfassenden Angriffskrieg; inzwischen ergänzt durch Drohnen, Raketen, digitale Systeme und KI-gestützte Technologien. |
| Womit? | Mit konventionellen Streitkräften, Artillerie, Raketen, Drohnen, elektronischer Kriegführung, Aufklärung, Satellitentechnik und zunehmend autonomen bzw. KI-unterstützten Systemen. |
| Mit welchen Folgen? | Hunderttausende Tote und Verwundete, Millionen Vertriebene, massive Zerstörungen, eine stärkere ukrainische nationale Identität, eine dauerhafte Verschlechterung der Beziehungen zwischen Russland und dem Westen sowie eine grundlegende Veränderung der europäischen Sicherheitsordnung. |
| Wer profitiert? | Kurzfristig möglicherweise einzelne militärisch-industrielle und geopolitische Akteure; nachhaltig ist ein eindeutiger Gewinner nicht erkennbar. |
| Wer verliert? | Vor allem die Menschen in der Ukraine und Russland – durch Tod, Verwundung, Flucht, wirtschaftliche Belastungen und den Verlust gemeinsamer Zukunftsperspektiven. |
Quellen- und Literaturverzeichnis
Primärquellen und internationale Dokumente
United Nations General Assembly: Territorial integrity of Ukraine. Resolution 68/262. New York, 27. März 2014. Die Resolution bekräftigt die territoriale Integrität der Ukraine innerhalb ihrer international anerkannten Grenzen und verwirft die Grundlage des Krim-Referendums von 2014.
United Nations: Memorandum on Security Assurances in Connection with Ukraine’s Accession to the Treaty on the Non-Proliferation of Nuclear Weapons (Budapest Memorandum). Budapest, 5. Dezember 1994.
United Nations General Assembly: Aggression against Ukraine. Resolution ES-11/1. New York, 2. März 2022. Die Generalversammlung verurteilte die russische Invasion und forderte den unverzüglichen und bedingungslosen Abzug der russischen Truppen.
United Nations General Assembly: Territorial integrity of Ukraine: defending the principles of the Charter of the United Nations. Resolution ES-11/4. New York, 12. Oktober 2022.
Organization for Security and Co-operation in Europe (OSCE): Memorandum on stabilizing ceasefire another important step towards de-escalation. Bern, 20. September 2014.
OSCE: Statement by the Trilateral Contact Group. Minsk, Januar 2015.
Ukraine/Russian Federation: Agreement on the Status and Conditions of the Presence of the Black Sea Fleet of the Russian Federation on the Territory of Ukraine, 28. Mai 1997.
Wissenschaftliche Literatur
Cherviatsova, Alina: „The 1954 transfer of Crimea: debunking the myth of a ‘Royal Gift’ to Ukraine“. In: Journal of Soviet and Post-Soviet Politics and Society 6 (2020), Nr. 2, S. 183–212. Die Studie ist besonders wichtig für die Korrektur der Vorstellung, Chruschtschow habe die Krim als persönliche „Schenkung“ an die Ukraine übertragen.
Yefimenko, Hennadii: „The Kremlin’s Nationality Policy in Ukraine after the Holodomor of 1932–33“. In: Harvard Ukrainian Studies 30 (2008), Nr. 1–4, S. 69–98.
Eras, Laura: „War, Identity Politics, and Attitudes toward a Linguistic Minority: Prejudice against Russian-Speaking Ukrainians in Ukraine between 1995 and 2018“. In: Nationalities Papers 51 (2023), S. 114–135.
Alexseev, Mikhail A.; Dembitskyi, Serhii: „Geosocietal Support for Democracy: Survey Evidence from Ukraine“. In: Perspectives on Politics, 2024. Die Studie untersucht die Entwicklung ukrainischer Identität und demokratischer Einstellungen vor und nach der russischen Invasion.
Historische Vergleichsliteratur
United States Holocaust Memorial Museum: Czechoslovakia – Annexation of the Sudetenland and Partition of Czechoslovakia. Die Darstellung dokumentiert die deutsche Argumentation mit der deutschen Bevölkerung im Sudetenland sowie die anschließende Zerschlagung der Tschechoslowakei.
United States Holocaust Memorial Museum: Nazi Territorial Aggression: The Anschluss. Zur Entwicklung der deutschen Expansionspolitik 1938/39.
United States Holocaust Memorial Museum: German Prewar Expansion. Zur Entwicklung von territorialer Expansion, Sudetenland, Zerschlagung der Tschechoslowakei und Angriff auf Polen.
Empirische Daten zur Entwicklung der ukrainischen Identität
Kyiv International Institute of Sociology (KIIS): Perception of belonging to the Ukrainian nation. 2024. Die Untersuchung zeigt eine erhebliche Zunahme der Identifikation als Bürger der Ukraine nach 2022.
Razumkov Centre: The Identity of Ukraine’s Citizens: Trends of Change. Juni 2024. Besonders relevant für Sprachgebrauch, nationale Identität und die Entwicklung des Verhältnisses zwischen ukrainischer und russischer Sprache.
Technologische Entwicklung des Ukrainekriegs
Ministry of Defence of Ukraine: Ukraine can now reach targets in Russia up to 1,750 km away, expanding deep strike range by 2.5 times. 28. April 2026. Quelle für die Entwicklung ukrainischer Langstreckenwaffen und Drohnensysteme.
Ministry of Defence of Ukraine: Middle-strike operations: how Ukrainian drones are degrading Russia’s military potential. 25. Mai 2026. Zur zunehmenden Bedeutung von Drohnen für operative Tiefe, Logistik und Infrastruktur.
Zeitgenössischer Ausgangstext
Hoppe, Dieter: Kommentar zur ZDF-Sendung über General Wlassow (1995). Bearbeitete Fassung April 2014. Von Konrad Rennert veröffentlichte PDF-Fassung.
Für die vorliegende Analyse ist dieser Text nicht als unkritisch zu übernehmende historische Quelle, sondern als Dokument einer bestimmten historischen Argumentationsweise verwendet worden: Hoppe versucht, etablierte Erzählungen durch die Einbeziehung übergangener Akteure, Gegenquellen und alternativer Perspektiven zu überprüfen.
Schlussbemerkung zur Methode
Gerade hierin liegt meines Erachtens die produktivste Form, Dieter Hoppe heute weiterwirken zu lassen.
Seine Stärke lag weniger darin, dass jede seiner historischen Behauptungen richtig gewesen wäre. Seine Stärke lag darin, unangenehme Fragen zu stellen.
Das sollte man auch bei Putin tun.
Aber ebenso bei Selenskyj.
Bei der NATO.
Bei der deutschen Politik.
Bei russischen Historikern.
Bei ukrainischen Historikern.
Und bei uns selbst.
Denn eine Geschichte, die nur eine Seite fragen lässt, was sie verschweigt, ist noch keine kritische Geschichtsschreibung.
Die eigentliche Hoppe-Frage müsste deshalb lauten:
Was müssten wir über diesen Krieg wissen, damit wir unsere eigene Lieblingsgeschichte nicht mehr erzählen können?

