Zum Inhalt springen

Vom Karteikasten zum Forschungsspiel

Serious Online Database Training – historische Daten gemeinsam erschließen, prüfen und verstehen.

KR&KI: https://chatgpt.com/c/6a919183-0c34-83eb-97c1-66fc9f6774fd

Die W-Fragen des Projekts.

W-FrageAntwort
Wer?Zielgruppe: Lernende, historisch Interessierte, Heimatforscher, Studierende, Lehrende, Archivinitiativen und zivilgesellschaftliche Gruppen
Moderator: Konrad Rennert, Dipl.-Physiker, ECDL-, KI- und E-Learning-Trainer
Was?Kollaborative Erschließung, Prüfung, Verknüpfung und Kontextualisierung historischer Personendaten
Wann?Zunächst als Pilotprojekt; perspektivisch dauerhaft und projektbezogen
Wo?Online, ergänzt durch regionale Archive, Gedenkorte und lokale Rechercheprojekte
Wie?Mit echten historischen Quellen, Datenbanken, Rechercheaufträgen, Quellenkritik und KI-gestützten Werkzeugen
Warum?Um digitale, historische und datenbezogene Kompetenzen gleichzeitig zu erwerben und historische Verantwortung konkret nachvollziehbar zu machen
Wozu?Aufbau einer belastbaren, transparent dokumentierten Wissensbasis über NSDAP-Mitglieder, Täter, Mitläufer und institutionelle Zusammenhänge

1. WER?

Das Projekt richtet sich nicht primär an professionelle Historiker.

Gerade darin liegt sein besonderer Reiz.

Teilnehmen können:

  • Schülerinnen und Schüler ab etwa 16 Jahren,
  • Studierende,
  • historisch interessierte Erwachsene,
  • Heimat- und Familienforscher,
  • Mitglieder von Geschichtsvereinen,
  • Archiv- und Museumsinitiativen,
  • Teilnehmer der Learning Lounge,
  • die Landkulturboten,
  • Lehrende und Multiplikatoren.

Damit verbindet das Projekt deine beiden bisherigen Linien:

historische Regionalforschung + digitale Kompetenzbildung.

Ein Teilnehmer muss also nicht bereits Datenbankexperte sein. Er kann mit einer einzigen Karteikarte beginnen.


2. WAS?

Im Mittelpunkt steht zunächst eine einfache Aufgabe:

Was können wir aus einer historischen Karteikarte tatsächlich wissen?

Die NSDAP-Mitgliederkartei der SZ eignet sich dafür besonders gut. Die SZ stellt knapp acht Millionen recherchierbare Mitglieder bereit und macht zugleich transparent, dass die automatische Erschließung Fehler enthalten kann.

Genau hier beginnt das eigentliche Lernspiel.

Ein Teilnehmer erhält beispielsweise:

Name – Geburtsdatum – Ort – Karteikarte

und bekommt die Aufgabe:

Wer ist diese Person?

Nun beginnt die Recherche.

Die Teilnehmer müssen beispielsweise:

  1. die Karteikarte lesen,
  2. die Mitgliedsnummer identifizieren,
  3. Handschriften und Abkürzungen entziffern,
  4. Ortsangaben normieren,
  5. Namensvarianten erkennen,
  6. weitere Quellen finden,
  7. mögliche Namensgleichheiten unterscheiden,
  8. Aussagen mit Quellen belegen,
  9. Widersprüche dokumentieren,
  10. schließlich entscheiden, was man über diese Person tatsächlich behaupten darf.

Damit wird aus einer Karteikarte ein Forschungsfall.


3. WARUM?

Hier liegt meines Erachtens der eigentliche Kern deiner Idee.

Der Teilnehmer soll nicht Daten eingeben, weil ein Arbeitsblatt das verlangt.

Er soll Daten eingeben, weil er eine historische Frage beantworten möchte.

Das ist ein fundamentaler Unterschied.

Ein klassisches Datenbanktraining sagt:

„Trage Vorname, Nachname und Geburtsdatum in die Felder ein.“

SODT sagt:

„Finde heraus, ob diese drei Angaben überhaupt zu derselben Person gehören.“

Damit wird Datenqualität selbst zum Forschungsgegenstand.


4. DER PRIMÄRSCHLÜSSEL ALS DETEKTIVARBEIT

Deine Überlegung zur Mitgliedsnummer halte ich für didaktisch besonders interessant.

Die NSDAP-Mitgliedsnummer kann als Identifikator dienen – aber gerade hier sollte das Spiel nicht suggerieren, dass ein Primärschlüssel automatisch Wahrheit erzeugt.

Die SZ weist selbst darauf hin, dass es Fälle doppelt vergebener oder falsch ausgelesener Mitgliedsnummern gibt und dass dadurch Karteikarten verschiedener Personen miteinander verbunden werden können.

Damit entsteht eine hervorragende Lernaufgabe:

Kann ich diesem Primärschlüssel vertrauen?

Der Teilnehmer lernt dadurch etwas, das weit über NS-Geschichte hinausgeht:

Ein Datenbankfeld ist keine Tatsache.

Es ist eine Behauptung über eine Tatsache.

Das ist ein hervorragender Einstieg in Datenkompetenz.


5. DAS SPIELPRINZIP

Ich würde deshalb nicht von einem „Quiz“ sprechen.

Es handelt sich eher um eine digitale historische Detektivarbeit.

Ein möglicher Fall könnte lauten:

FALL 017

Gesucht:
Eine Person aus Nordhessen.

Bekannt:

  • Nachname
  • ungefähres Geburtsjahr
  • Wohnort
  • NSDAP-Mitgliedschaft

Aufgabe:

Identifizieren Sie die Person und erstellen Sie einen überprüfbaren Datensatz.

Dafür stehen verschiedene Werkzeuge zur Verfügung:

Quelle 1: NSDAP-Karteikarte
Quelle 2: Melderegister / Ortsarchiv
Quelle 3: Entnazifizierungsakte
Quelle 4: Zeitungsarchiv
Quelle 5: Arolsen Archives
Quelle 6: weitere genealogische Datenbanken

Die KI darf helfen.

Aber sie darf nicht entscheiden, ob die Person identifiziert wurde.


6. DIE KI ALS SPIELPARTNER – NICHT ALS SPIELLEITER

Das verbindet das Konzept unmittelbar mit deinem Beitrag über den „kontextbewussten Assistenten“.

Du hast dort beschrieben, dass KI nicht mehr lediglich Rohdaten verarbeitet, sondern den Forschungsprozess verstehen kann.

Im SODT könnte die KI beispielsweise fragen:

„Du hast zwei Personen mit demselben Namen gefunden. Welche zusätzlichen Merkmale möchtest du vergleichen?“

Oder:

„Die Schreibweise des Ortes unterscheidet sich. Möchtest du prüfen, ob es sich um historische Varianten desselben Ortes handelt?“

Oder:

„Deine Behauptung über die Person wird durch die vorliegende Quelle nicht belegt. Welche Quelle könnte diese Aussage absichern?“

Das wäre eine ausgesprochen interessante Form von KI-gestütztem forschendem Lernen.

Die KI liefert nicht die Lösung.

Sie hilft dem Menschen, die richtige nächste Frage zu stellen.

Das entspricht sehr stark deinem bisherigen Verständnis von KI als Werkzeug und Sparringspartner.


7. DAS EIGENTLICHE SPIEL: PUNKTE FÜR GUTE FORSCHUNG

Die Teilnehmer sollten nicht dafür belohnt werden, möglichst schnell einen Datensatz anzulegen.

Belohnt werden sollte Qualität.

Beispielsweise:

LeistungPunkte
Karteikarte korrekt gelesen+5
Mitgliedsnummer identifiziert+5
Quelle dokumentiert+10
zweite unabhängige Quelle gefunden+15
Namensgleichheit erkannt+20
Widerspruch entdeckt+20
KI-Fehler erkannt+20
eigene Aussage korrigiert+25
Zusammenhang mit einer weiteren Person entdeckt+25
unbelegte Behauptung vermieden+30

Der vielleicht wichtigste Punkt wäre:

Bonus für begründetes Nichtwissen.

„Diese Identifizierung ist derzeit nicht ausreichend gesichert.“

Das wäre pädagogisch ausgesprochen wertvoll.

Denn genau das unterscheidet wissenschaftliches Arbeiten von bloßer Datensammlung.


8. WAS LERNT MAN DABEI?

Das Projekt wäre gleichzeitig ein Training in mindestens sechs Kompetenzbereichen:

Historische Kompetenz

Quellen lesen, einordnen und kontextualisieren.

Datenkompetenz

Strukturen, Felder, Identifikatoren und Datenqualität verstehen.

Recherchekompetenz

Informationen aus unterschiedlichen Quellen zusammenführen.

Medienkompetenz

Digitale Angebote und ihre redaktionellen Entscheidungen kritisch beurteilen.

KI-Kompetenz

KI-Ergebnisse überprüfen, Fehler erkennen und KI sinnvoll einsetzen.

Wissenschaftskompetenz

Zwischen Quelle, Interpretation, Hypothese und Behauptung unterscheiden.

Damit würde dein Projekt sehr gut zu deinem geplanten Propädeutikum und deinem Promotionsvorhaben passen: KI-Kompetenz wird nicht abstrakt unterrichtet, sondern in einer echten Forschungssituation erworben.


9. WO?

Das Projekt sollte gleichzeitig global und lokal sein.

Global:

Die Teilnehmer arbeiten mit digital verfügbaren Quellen wie der NSDAP-Kartei und Datenbanken von Arolsen Archives oder Yad Vashem. Die SZ selbst verweist für die weitere Recherche ausdrücklich auf Archive, Arolsen Archives und Yad Vashem.

Lokal:

Die eigentliche Forschungsfrage kann aus dem eigenen Dorf oder Landkreis kommen.

Beispielsweise:

Welche Personen aus Vöhl und Umgebung finden sich in der NSDAP-Kartei?

Dann beginnt die Verbindung mit deinen bisherigen Projekten.

Aus einem Namen werden:

Person → Familie → Beruf → Verein → Gemeinde → Verwaltung → NS-System → Opfer → Täter/Mitläufer → historische Zusammenhänge.

Damit wird Regionalgeschichte zum Einstieg in deutsche Gesellschaftsgeschichte.


10. STOLPERSTEINE UND STOLPERAKTEN

Hier würde ich deine bisherige Idee noch etwas verändern.

Stolpersteine und Stolperakten sollten nicht als Gegensatz verstanden werden.

Sie können zwei Perspektiven desselben historischen Raumes darstellen.

Stolperstein

Was geschah mit diesem Menschen?

Stolperakte

Welche Menschen und Institutionen ermöglichten, unterstützten oder verwalteten diese Verfolgung?

Das Ziel ist ausdrücklich keine Täter-Rangliste.

Die Datenbank soll nicht fragen:

„Wer war der schlimmste Nazi?“

Sondern:

„Welche Handlungsspielräume, Beziehungen und institutionellen Strukturen lassen sich aus den Quellen rekonstruieren?“

Damit wird aus der Täterdatenbank eine Strukturdatenbank historischer Verantwortung.


11. WANN?

Ich würde das Projekt zunächst nicht als großes fertiges Datenbankprojekt aufsetzen.

Sinnvoller wäre ein Pilot:

Phase 1 – Entdecken

Teilnehmer lernen die SZ-Kartei kennen.

Phase 2 – Entziffern

Sie bearbeiten einzelne Karteikarten.

Phase 3 – Strukturieren

Aus den Karten entstehen standardisierte Datensätze.

Phase 4 – Vernetzen

Personen, Orte und Institutionen werden miteinander verbunden.

Phase 5 – Überprüfen

Andere Teilnehmer kontrollieren die Ergebnisse.

Phase 6 – Kontextualisieren

KI und menschliche Recherche helfen bei der historischen Einordnung.

Phase 7 – Veröffentlichen

Nur ausreichend geprüfte Ergebnisse gelangen in den gemeinsamen Datenbestand.

Das Entscheidende wäre:

Jeder Datensatz trägt seine eigene Forschungsgeschichte mit sich.


12. DIE „PROVENIENZ“ ALS TEIL DES SPIELS

Das halte ich für einen der stärksten Punkte deines Konzepts.

Nicht nur:

Was wissen wir?

sondern:

Woher wissen wir es?

Und:

Wer hat es wann und wie festgestellt?

Ein Datensatz könnte deshalb beispielsweise enthalten:

Person: Max Mustermann
Geboren: 1904
Ort: Vöhl
NSDAP-Mitgliedsnummer: XXXXX
Quelle: NSDAP-Gaukartei
Digitalisat: Link
Transkription: Konrad
Kontrolle: Teilnehmer B
Weitere Quelle: Kreisarchiv
Identität: wahrscheinlich
Sicherheit: 85 %
Offene Fragen: Beruf / Entnazifizierung
KI-Unterstützung: ja
KI-Ergebnis überprüft: ja

Damit wird die Datenbank selbst zu einem Lehrbuch über wissenschaftliches Arbeiten.


13. WIE WIRD AUS DEM PROJEKT EIN „SERIOUS GAME“?

Die Spielmechanik entsteht nicht durch bunte Animationen.

Sie entsteht durch echte Forschungsprobleme:

  • „Welche der drei Personen ist die richtige?“
  • „Ist diese Karte tatsächlich dieselbe Person?“
  • „Warum unterscheiden sich zwei Ortsnamen?“
  • „Wer hat diesen Datensatz falsch abgeschrieben?“
  • „Kannst du einen KI-Fehler finden?“
  • „Welche Quelle fehlt noch?“
  • „Kannst du eine Verbindung zwischen zwei Personen nachweisen?“
  • „Was darfst du am Ende tatsächlich behaupten?“

Das ist wesentlich interessanter als künstlich erzeugte Übungsdaten.

Die historische Realität selbst liefert die Rätsel.


14. WER KÖNNTE DAVON PROFITIEREN?

Das Konzept hat mehrere mögliche Zielgruppen.

Schulen:
Geschichte + Informatik + Medienbildung + KI.

Universitäten:
Propädeutikum für historische Forschung und Digital Humanities.

Volkshochschulen:
Digitale Kompetenz mit konkretem regionalgeschichtlichem Inhalt.

Archive und Museen:
Erschließung und Vermittlung von Beständen.

Geschichtsvereine:
Professionalisierung ehrenamtlicher Forschung.

Familienforscher:
Methodisch kontrollierte Recherche statt bloßer Namenssuche.

Gedenkstätten:
Verbindung von Opferbiografien und Täter-/Verwaltungsstrukturen.

Landkulturboten:
Ein konkretes Forschungsfeld für gemeinschaftliches digitales Lernen.


15. DAS FERNZIEL

Das Fernziel würde ich deshalb nicht mehr einfach

„NSDAP-Täter und Mitläufer“

nennen.

Der Arbeitstitel ist zwar verständlich, aber historisch problematisch, weil eine NSDAP-Mitgliedschaft allein noch keine Aussage über eine konkrete Tat oder individuelle Schuld erlaubt. Auch die SZ betont ausdrücklich, dass ihre Kartei zunächst Mitgliedschaften rekonstruiert und nicht automatisch Lebensläufe, Taten oder Unterlassungen bewertet.

Ich würde deshalb beispielsweise mit einem Arbeitstitel wie

NS-Zeit: Personen, Quellen und Verantwortung

arbeiten.

Darunter könnte es dann Teilbereiche geben:

  • NSDAP-Mitglieder
  • Täter
  • Mitläufer
  • Funktionsträger
  • Verwaltung
  • Opfer
  • Institutionen
  • Orte
  • Quellen
  • Beziehungen

Das erlaubt später sogar eine Verbindung mit vorhandenen Opferdatenbanken.


16. DIE BESONDERE IDEE DEINES PROJEKTS

Ich würde das Konzept deshalb auf einen einzigen Satz zuspitzen:

Wir machen aus historischen Daten keine fertigen Antworten, sondern Forschungsaufgaben.

Oder noch pointierter:

Nicht die KI soll Geschichte erzählen. Menschen sollen lernen, mit KI Geschichte zu erforschen.

Das ist meines Erachtens die eigentliche Verbindung zwischen deinem SZ-Beitrag, deinem Copilot-Dialog, deiner Learning Lounge, den Landkulturboten und deinem Promotionsvorhaben.

Die SZ zeigt bereits, wie KI Millionen historischer Karteikarten erschließbar macht. Sie beschreibt zugleich selbst die Grenzen der automatisierten Auswertung: Fehler sind unvermeidbar, bestimmte Bestände fehlen, und die Datenbank kann weitere Archivforschung nicht ersetzen.

Dein Konzept setzt genau an dieser offenen Stelle an.

Die SZ beantwortet:

„Was finden wir in acht Millionen Karteikarten?“

Dein SODT könnte die nächste Frage stellen:

„Was können Menschen daraus lernen – und was können sie gemeinsam daraus erforschen?“

Und damit wäre es nicht bloß ein Projekt zur NS-Geschichte.

Es wäre ein Modell für eine neue Form digitaler historischer Bildung:

echte Quellen → echte Daten → echte Forschungsfragen → KI als Assistent → menschliche Prüfung → kollaboratives Wissen.

Das passt auch sehr gut zu deiner Grundidee des Just-in-Time-Lernens: Man lernt Datenbanktechnik, Quellenkritik oder KI nicht zuerst abstrakt „auf Vorrat“, sondern genau dann, wenn die konkrete Forschungsaufgabe das Wissen erforderlich macht.