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tagesschauINVESTIGATIV
Dossier: Negative Emissions Technologies (NETs)

Zwei Wege unter die Erde: Gas-Verpressung vs. Pflanzen-Kohle

Wie lässt sich atmosphärischer Kohlenstoff dauerhaft für Jahrtausende wegsperren? Eine Gegenüberstellung von maritimer CCS-Injektion und terrestrischer Biochar-Einlagerung in Altbergbauhohlräumen.

Flüssig / Gasförmig

Offshore CCS: Projekt Greensand

Verpressung von komprimiertem $\text{CO}_2$ in ausgeförderte Erdölfelder unter der Nordsee.

Speicher: Sandstein-Aquifere & alte Gasfelder (800–1800m Tiefe)
Kosten: 95 – 270 € / t $\text{CO}_2$ (inkl. Capture & Transport)
Hauptrisiko: Leckagen über Bohrlöcher, Druckaufbau, hohe Capex
Tagesschau-Meldung:

"Unter der Nordsee soll in Zukunft klimaschädliches $\text{CO}_2$ dauerhaft im Meeresboden gespeichert werden. Doch es gibt Kritik..."

Fester Kohlenstoff

Terrestrisch: Biomasse-Pflanzenkohle

Einlagerung von pyrolysiertem Biochar in aufgegebenen Bergbauhohlräumen (Salz-/Kaligruben).

Speicher: Unterirdische Salz- & Kalibergbau-Hohlräume (trocken/anaerob)
Kosten: 88 – 228 € / t $\text{CO}_2$-Äquivalent (dezentral skalierbar)
Hauptrisiko: Mikrobieller Abbau bei Wasserzutritt, Biomasse-Verfügbarkeit
Wissenschaftliches Fazit:

"In stabilen Salzhohlräumen bleiben unter anaeroben Bedingungen >99% des Kohlenstoffs über Jahrtausende gebunden. Ein hochpotentes NET."

W-Fragen-Analyse: Thermochemische Speicherung

WER?

Akteure & Stakeholder
  • Primär: Pyrolyse-Betreiber, Bergbauunternehmen, Geologische Landesämter, Land-/Forstwirte.
  • Regulierung: EU-Klimapolitik (EU-ETS Zertifizierung), Langzeitspeicher-Zertifizierer.
  • Gesellschaft: Anwohner, Wissenschaftler (Monitoring), Umweltschutzverbände.

WAS?

Technischer Prozess

Thermochemische Konversion (Pyrolyse bei 400–800°C) wandelt instabile Biomasse in hochstabilen Biochar um (70–90% C-Gehalt).

Der Ligninabbau wird chemisch gestoppt. Halbwertszeiten unter anaeroben Bedingungen betragen $10^3$ bis $10^6$ Jahre.

WO?

Geologische Eignung
Salzbergbau (Halit) ⭐⭐⭐⭐⭐ (Perfekt)
Kalibergbau ⭐⭐⭐⭐ (Sehr gut)
Steinkohle / Erz ⭐⭐ / ⭐⭐⭐ (Bedingt)

Voraussetzungen: Anaerob, trocken/hygroskopisch, pH-neutral bis alkalisch.

WANN?

Zeithorizont & Abbau

0–100 Jahre: Abbau <1% p.a., vollkommen stabil.

100–1.000 Jahre: Mikrobieller Minimalabbau (2–5% Verlust/Jh. bei trockenem Milieu).

>1.000 Jahre: Dauerhafte geologische Fixierung in kriechenden Salzformationen.

WARUM?

Klimawissenschaftliche Lücke

Globale Emissionen liegen bei ~37 Gt $\text{CO}_2$/Jahr. Reine Vermeidung reicht nicht aus – der IPCC AR6 fordert aktive Negative Emissions Technologies (NETs) für das 1,5°C-Ziel.

WIE VIEL?

Netto-Entnahme Potenzial

EU-Potenzial: 150–250 Mt Biochar/Jahr aus Reststoffen.

$$\text{Netto-}\text{CO}_2 = [C_{\text{stabil}} \cdot (1-V)^t] - E_{\text{fossil}}$$ Deutschland: 45–80 Mt Netto-$\text{CO}_2$/Jahr realistisch entnehmbar.

Direkter Systemvergleich (Head-to-Head)

Bewertungskriterium Gaskompression (CCS Nordsee) Biochar (Altbergbau) Vorteil
Gesamtkosten (€ / t $\text{CO}_2$) 95 – 270 € (Sleipner ~100€, DACCS >300€) 88 – 228 € (Skaliert: 80–150€) Biochar leicht
Technische Reife (TRL) TRL 8-9 (30 Jahre Erfahrung offshore) TRL 5-7 (Labor gut, Feldtests im Altbergbau kurz) CCS Deutlich
Langzeitstabilität (>1.000 J.) 95–99,9% (extrapoliert aus Modellen) 85–98% (Risiko durch Mikrobiologie) CCS
Gesellschaftliche Akzeptanz Niedrig bis Mittel (Proteste gegen Lecks/Pipelines) Hoch (Kreislaufkonzept, regionale Wertschöpfung) Biochar Klar
Reversibilität / Bergung Nein (Gase entweichen bei Leck unwiederbringlich) Ja (Fester Stoff theoretisch wieder bergbar) Biochar
Langzeithaftung Unbegrenzte Staatshaftung nach 30 Jahren Klare Eigentümerstruktur (Bergbaugesellschaften) Biochar

Fazit & Strategische Empfehlung

Weder CCS unter dem Meeresboden noch Pflanzenkohle im Altbergbau sind alleinige Allerheilmittel. Für eine nachhaltige Reduktion des Treibhauseffekts empfiehlt sich ein Portfolio-Ansatz:

CO₂-Verpressung nutzen für:
  • Punktuelle Industrie-Emissionen (Zement, Stahl, Chemie)
  • Große zentrale Infrastruktur-Hubs an Küsten
Biochar im Altbergbau nutzen für:
  • Dezentrale Land- und Forstwirtschafts-Reststoffe
  • Schnelle lokale Skalierung ohne Milliarden-Pipelines
  • Risikominimierung durch reversible Kohlenstoff-Deponierung