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Serious Online Database Training (SODT)

Spielerische Datenerschließung für eine kritische Erinnerungskultur

Ein Positionspapier für die digitale Aufarbeitung von Täter- und Mitläuferdatenbanken

KR&KI: https://claude.ai/chat/29b140da-22a8-4813-8b3c-abb7f95041cc


1. WER? – Akteure und Zielgruppe

Herkunft und Trägerschaft

Initiator: Konrad Rennert, Dipl.-Physiker, ECDL-, KI- und E-Learning-Trainer
Kontext: Promotionsvorhaben an der PH Heidelberg
Disziplinen: Geschichtsdidaktik, Digital Humanities, Erinnerungskultur, Pädagogik
Partner-Potenzial: Archivare, Lokalzeitungen, zivilgesellschaftliche Initiativen, Gedenkstätten

Zielgruppen

RolleEngagementMehrwert
Historiker:innen & Archivar:innenSystematische DatenverwertungDezentralisierte Quellenerschließung, Crowd-sourcing
Lernende (Sekundarstufe II & Studierende)Aktive QuellenkritikGeschützer Raum für historische Forschung, gamifizierte Motivation
Zivilgesellschaft (Gedenkstätten, Vereine)Partizipative Lokal-GeschichteDezentrale Datenerfassung, Perspektivenerweiterung
Journalist:innenRecherche-Tools, TransparenzNachvollziehbare Quellenarbeit, Fact-Checking
Archivträger (Gedenkstätten, SZ, digitale Archive)Kooperative DatenerschließungNutzer-Engagement, Datenqualität, Findbarkeit

2. WAS? – Die Innovation des SODT

Kern-Differenz: Von passivem Lesen zu aktiver Recherche

Traditionelle Archive:
→ Nutzer:innen lesen fertige Findmittel
→ Daten bleiben teilweise unstrukturiert oder proprietär
→ Verknüpfungen sind häufig lokal (ein Archiv) begrenzt

SODT-Ansatz:
→ Nutzer:innen recherchieren aktiv in echten Quellen
→ Dezentrale Datenerfassung schafft verlässliche Verknüpfungen
→ Spielmechaniken steigern Motivation und Lerntiefe

Die drei Säulen

A. Datengrundlage: Täter- und Mitläuferregister

B. Methodisches Gerüst: Serious Games für Datenkritik

  • Spielelemente: Challenges (Entzifferung von Mitgliedsnummern), Aufgabenketten (Recherchepfade), Milestones (Verifizierung)
  • Geschützter Raum: Fehler sind Lernmomente, keine Sanktionen
  • Transparenz: Nachvollziehbarkeit aller Dateneingaben, Versionsgeschichte
  • Kollaboration: Dezentrales Verfassen, zentrales Validieren

C. Epistemologie: Der Primärschlüssel als kritischer Moment

Die Entzifferung der NSDAP-Mitgliedsnummer ist nicht nur technisch notwendig (Datenangleichung), sondern auch pädagogisch wertvoll:

  • Sie erzwingt genaues Hinschauen auf Digitalisate
  • Sie macht Quellenkritik erlebbar (Was ist lesbar? Wann muss ich Unsicherheit dokumentieren?)
  • Sie verbindet Täter mit Strukturen (Nummer = Position im Verwaltungs-Gefüge)
  • Sie ermöglicht später: Verknüpfung mit Opfer-Datenbanken (Yad Vashem)

3. WANN? – Kontextualisierung und Timing

Historischer Kontext

  • 1945–1990: Täter-Akten wurden teilweise zerstört, teilweise versteckt (BND-Affäre Eichmann)
  • 1990–2000: Archive öffnen sich, digitale Projekte entstehen (fragmentarisch)
  • 2010–2020: Yad Vashem etabliert Opfer-Register; Täter-Register bleiben fragmentarisch
  • 2020–heute: Digitalisierungswelle, KI-gestützte Archivarbeit, Süddeutsche Zeitung stellt NSDAP-Kartei frei verfügbar zur Verfügung

Warum SODT jetzt?

  1. Datenfreigaben: SZ-NSDAP-Kartei ist öffentlich; weitere Archive folgen
  2. Technische Reife: Webbasierte Kollaborationstools (Alfaview, Airtable, Notion) sind robust
  3. Bildungstrend: Serious Games zeigen messbare Vorteile in Wissensvermittlung und Motivation
  4. Gesellschaftliches Bedürfnis: Zunehmende Neofaschismus-Debatten erfordern genaue Quellenkenntnis
  5. Methoden-Innovationen: KI-gestützte OCR und Entity Linking erleichtern die Datenerfassung

4. WO? – Plattform, Dezentralität, Orte

Infrastruktur

Virtuelle Räume:

  • Recherche-Plattform: Webbasiertes Interface (z.B. auf Basis von Mapbox/Airtable/Omeka)
  • Austausch-Hubs: Discord-/Slack-Kanäle (pro Region/Thema)
  • Synchron: Regelmäßige Alfaview-Seminare (Schulungen, Live-Recherche, Qualitätsdiskussionen)

Physische Ankerpunkte:

  • Archive vor Ort: Lokalarchive, Gedenkstätten, Stadtbibliotheken (als Recherchepunkte)
  • Landkulturboten-Netzwerk: Verbindung zu Konrads E-Bike-Bildungstouren (Recherche vor Ort + digitale Dokumentation)
  • Schulen & VHS: Pilot-Seminare für Multiplikator:innen

Datenquellen (kartiert)

RegionPrimärquelleSekundärquellenRecherche-Hub
NordhessenSZ-NSDAP-KarteiStaatsarchiv Marburg, LokalarchiveSynagoge Vöhl (Landkulturboten)
DeutschlandweitSZ-NSDAP-Kartei, Bundesarchiv BerlinGestapo-Unterlagen (ITS Bad Arolsen), Yad VashemTBD (Partnergewinnung)
InternationalYad Vashem (Opfer), Unterlagen Behörde (Stasi)US National Archives, Archiv Wannsee-KonferenzTBD

5. WARUM? – Kritische Notwendigkeit

Die Limitation der Opfer-zentrierten Erinnerungskultur

Stolpersteine (etabliertes Konzept):

  • Gedenken im öffentlichen Raum an Opfer
  • Biografisch bewegend, emotional wirksam
  • Limitation: Täter bleiben anonym oder glorifiziert

Neue Herausforderung:

  • Neofaschistische Tendenzen nutzen Lücken in der Täter-Dokumentation
  • Lokal verankerte Recherche ist fragmentarisch
  • Dezentrale Mitläufer-Strukturen sind schwer zu rekonstruieren

Der SODT-Ansatz: „Stolperakten“

Zusätzliche Perspektive:

  • Wer waren die Täter, Mitläufer, Verwaltungsbeamten?
  • Wie funktionierten die Strukturen lokal?
  • Was können heutige Debatten über Verantwortung, Wegsehen, Opportunismus lernen?

Epistemische Bedeutung

  1. Ganzheitliche Geschichte: Opfer UND Täter bilden zusammen das Bild der NS-Zeit
  2. Lokal-Nationale Verflechtung: Dezentrale Recherche zeigt: Nazis waren überall, Mitläufertum auch
  3. Rückschlüsse auf heute: Wie normalisieren sich Unrechtsstrukturen? Wer profitiert?

6. WIE? – Methodologie und erste Schritte

Phase 1: Pilotprojekt (6–9 Monate)

Arbeitsschritt 1.1: Datenstruktur definieren

  • Input: SZ-NSDAP-Kartei-Digitalisate
  • Output: Entzifferungs-Template (Formular für Mitgliedsnummern, Geburtsdaten, Funktionen)
  • Tool: Airtable oder Notion (kollaborativ, versioniert)

Arbeitsschritt 1.2: Gamifizierung gestalten

  • Challenge-Typen:
    • Easy: Mitgliedsnummer auf Karteikarte erkennen
    • Medium: Geburtsjahr + Ort abgleichen, Duplikate erkennen
    • Hard: Funktions-Entzifferung, Querverweise verfolgen
  • Rewards: Badges (z.B. „Entzifferer“, „Verifiziert-Meister“), Leaderboards (anonym oder optional)
  • Tool: Discord/Notion/Gamification-Framework (z.B. Badgr)

Arbeitsschritt 1.3: Pilotgruppe rekrutieren

  • Größe: 20–50 Tester:innen (Schüler:innen, Student:innen, Archivar:innen, ehrenamtliche Lokalhistoriker:innen)
  • Geografischer Schwerpunkt: Nordhessen (Landkulturboten-Netzwerk als Anker)
  • Betreuung: Regelmäßige Alfaview-Seminare (wöchentlich, 60 min)

Arbeitsschritt 1.4: Qualitätssicherung

  • Validierungslogik: Mindestens 2 unabhängige Entzifferungen pro Karteikarte
  • Konfliktlösung: Diskussions-Thread, ggf. Experten-Review
  • Datenausgabe: Versionierte CSV/JSON-Exports für Verknüpfung mit anderen Datenbanken

Phase 2: Expansion und Datenintegration (Monate 10–18)

2.1: Strukturelle Integration

  • Verknüpfung mit Yad Vashem-Opfer-Register (über Namen, Orte, Daten)
  • Abgleich mit Gestapo-Unterlagen (ITS Bad Arolsen)
  • Veröffentlichung als Open-Data-Set (CC-BY-SA oder ähnlich)

2.2: Multiplikatoren-Schulung

  • Vorbereitung von Archivar:innen und Geschichtslehrer:innen
  • Lokale Workshops in kooperierenden Archiven
  • Online-Zertifikat („SODT-Recherche-Kompetenz“)

2.3: Skalierung

  • Ausweitung auf weitere Datenbestände (SS-Listen, Behördenstaffellisten)
  • Länderübergreifende Kooperationen (Österreich, Tschechien)

Phase 3: Institutionalisierung (ab Monat 19)

  • Trägerschaft: Kooperationsmodell (Archive, Gedenkstätten, Schulen, bluepages GmbH)
  • Finanzierung: Drittmittel (DFG, BMBF, Stiftungen)
  • Verstetigung: Langfristige Archiv-Integration

7. WIE FUNKTIONIERT ES KONKRET? – User Journey (Beispiel)

Beispiel-Szenario: Schüler:in erforscht lokale NS-Geschichte

1. Einstieg (15 min)

  • Anmeldung auf SODT-Plattform
  • Tutorial: „Wie liest man eine NSDAP-Karteikarte?“
  • Tutorial: „Warum ist die Mitgliedsnummer wichtig?“

2. Recherche-Challenge (30 min)

  • System zeigt 5 SZ-Digitalisate von NSDAP-Karteikartenaus der Stadt des Nutzers/der Nutzerin
  • Challenge: „Entziffere die Mitgliedsnummer und trage sie ein“
  • Lernmaterial daneben: Historischer Kontext zur Funktionsweise der NSDAP
  • Feedback sofort: „✓ Korrekt! Das war Karl Müller (geb. 1912), Schuhmacher“

3. Vertiefung (30 min)

  • Nutzer:in klickt auf „Wer war diese Person?“
  • System zeigt: Verbindung zu Gestapo-Akten, Ortsgeschichte, evtl. Opfer-Datensätze (Yad Vashem)
  • Nutzer:in verfolgt einen „Recherchepfad“: „Hat Karl Müller später mit der Gestapa zusammengearbeitet?“

4. Beitrag (15 min)

  • Nutzer:in findet zusätzliche Informationen (z.B. im Lokalarchiv, Wikipedia, Zeitungsartikel)
  • Nutzer:in dokumentiert diese als „Verknüpfung“ in der Plattform
  • Moderation & Validierung durch Archivar:innen

5. Reflexion & Lernergebnis (15 min)

  • Nutzer:in beantwortet Reflexionsfragen:
    • „Was hat dich überrascht?“
    • „Warum war Karl Müller keine große Figur, aber trotzdem wichtig für die NS-Strukturen?“
    • „Wie würde dein Ort anders aussehen, wenn die Mitläufer damals klarer zu sehen wären?“
  • Badge verdient: „Recherche-Forscher:in“, Punkte auf Leaderboard

8. Dissertation-Ankoppelung: Religionspädagogik & KI

Forschungsfrage (Konrad Rennerts Promotion)

Wie können KI-kompetente Lernumgebungen zur ethisch-kritischen Auseinandersetzung mit Quellen und Verantwortung führen?

SODT als Forschungsfeld

  1. Theoretischer Beitrag:
    • Paulinische Adaptionsprinzipien (Stettberger) für digital-historische Kontexte
    • Ethische Dimensionen der Daten-Vermittlung
  2. Praktischer Beitrag:
    • SODT als Lernlounge-Modul (Teil des 6-Modul-Curriculums der Dissertation)
    • Empirische Studien zur Motivations- und Kompetenzentwicklung
  3. Systemisches Lernen:
    • Wie verstehen Nutzer:innen Mitläufertum durch Daten-Interaktion?
    • Was bedeutet „Quellenverantwortung“ im Zeitalter der KI?

9. Chancen und Risiken

Chancen

Verlässliche Quellenarbeit: Dezentrales Verfassen, zentrales Validieren
Emotionale Bindung: Spielmechaniken steigern Engagement
Demokratische Partizipation: Wissen wird nicht von oben herabgereicht
Lokale Verankerung: Jede:r kann in ihrer/seiner Stadt forschen
Langfristige Infrastruktur: Archive gewinnen Nutzer-Engagement

Risiken und Mitigation

RisikoMitigation
Datenschutz (lebende Personen)Redaction-Policy; nur NS-Zeit-Daten; Anonymisierung von Nachfahren
Fehlerhafte Entzifferung → falsche VorwürfeStrenge Validierungslogik; Experten-Review vor Publikation
Kontamination durch Trolls/RevisionistenModeration; klare Verhaltensregeln; Anonymität optional (nachverfolgbar für Admin)
Technik-Barrieren für ältere Nutzer:innenHybrid-Modell: Online + Offline-Seminare; Telefon-Support
Finanzierung & VerstetigungFrühzeitig Trägerstrukturen bauen (Archive als Co-Träger); Drittmittel akquirieren

10. Nächste Konkrete Schritte

Monat 1–2 (Aktuell)

  • Expertenrat zusammenstellen (Archivar:innen, Gamification-Experten, Historiker:innen)
  • Kooperationsvereinbarungen mit SZ und Yad Vashem prüfen
  • Technologie-Stack prototypieren (Airtable + Discord + Notion)

Monat 3–4

  • Datenstruktur finalisieren (Formular-Template)
  • Pilotgruppe rekrutieren (50 Personen, Schwerpunkt Nordhessen)
  • Alfaview-Einführungsseminar konzipieren

Monat 5–9

  • Pilotphase läuft; iteratives Feedback
  • Qualitätssicherungs-Prozesse testen
  • Erste Publikationen (Blog, KR&KI-Website, Konferenzen)

11. Publikations- und Diskurs-Pfade

Wo wird SODT sichtbar gemacht?

  1. Konrad Rennerts Blog/Publikationen:
  2. Fachdebatten:
    • Geschichtsdidaktik-Konferenzen (VGD, IZpB)
    • Digital Humanities (DHd, DH Conferences)
    • Religionspädagogik-Foren (im Kontext der Dissertation)
  3. Öffentlichkeit:
    • HNA-Artikel (Dewert, Redaktion Melsungen)
    • SZ-Kolumne oder -Interview (Partnerschaft)
    • Podcast/Video-Blog (KR&KI-Framework)
  4. Archiv-Netzwerke:
    • Deutscher Archivtag
    • Verband der Gedenkstätten und Archive

12. Fazit: Warum SODT die Erinnerungskultur demokratisiert

SODT ist nicht nur ein Gamification-Tool. Es ist ein erkenntnistheoretisches Experiment, das fragt:

  • Wie lernen wir Verantwortung durch Daten?
  • Wie machen wir Täterstrukturen sichtbar, ohne zu moralisieren?
  • Wie kann Dezentralität (jeder recherchiert lokal) zu verlässlichen globalen Erkenntnissen führen?

Durch die Kombination von Serious Gaming, kollaborativer Archivarbeit und kritischer Pädagogik eröffnet SODT eine neue Form des Lernens von Geschichte nicht als Vorlesung, sondern als Recherche.

Die Digitalisierung von Täter- und Mitläuferstrukturen ist nicht nur historisch notwendig.
Sie ist ethisch geboten – für eine Erinnerungskultur, die nicht bei Trauer stehen bleibt, sondern bei Fragen nach Struktur, Mitverantwortung und Gegenwarts-Lernen.


Kontakt & weitere Informationen

Initiator: Konrad Rennert
Organisationen: bluepages GmbH (Felsberg), evtl. PH Heidelberg (Promotionsprogramm)
Websites:

Kooperations-Anfragen: Archivare, Schulen, Gedenkstätten, Lehrende – gerne zu Gesprächen!


Dieses Positionspapier versteht sich als Entwurf einer diskurstähigen Initiative.
Kommentare, kritische Fragen und Kooperationsangebote sind ausdrücklich willkommen.