In diesem Video stelle ich ein Projekt vor, das mich seit Monaten beschäftigt: die sachgerechte Digitalisierung und Aufarbeitung der von Spiegel, Süddeutscher Zeitung und Zeit Online veröffentlichten NSDAP-Mitgliederkarteikarten und -Akten. Dabei geht es um mehr als nur Datenbank- und KI-Technik – es geht um die Frage, wie jeder von uns mit der Nazi-Vergangenheit seiner Familie umgehen kann und sollte.
Warum das Thema mich persönlich trifft
Ich beginne mit Adolf Eichmann, der für die Deportation und Ermordung von Millionen Juden verantwortlich war. Eichmann sagte über sich selbst: „Wo keine Verantwortung ist, da ist auch keine Schuld.“ Ein Mensch darf sich so nie aus Verantwortung und Schuld herausreden — aber was würde KI dazu sagen? Sie sitzt auf unzähligen Computern, lässt sich nicht vor Gericht stellen und nicht hinrichten.
Das ist der Punkt: Diese Akten sind jetzt digital verfügbar und wurden mit KI-Unterstützung durchsuchbar gemacht, aber die automatische Texterkennung ist unzuverlässig — gerade bei alten Handschriften und dem uneinheitlichen Aufbau von NSDAP-Karteikarten.
Das Problem mit der KI-Transkription: Das Beispiel Luisa Neubauer
Ein prominentes Fallbeispiel zeigt das Dilemma. Die Medien berichteten, dass Luisa Neubauers Urgroßvater gemäß deren Aussagen ein Obersturmbandführer der Waffen-SS gewesen sein soll. In der Süddeutschen Zeitung fand sich ein „Armin Reemtsma“ in dieser Rolle. Doch die weitere Recherche in Wikipedia und in den Kriegsverbrecherprozessen ergibt: Es gab keinen Armin Reemtsma in dieser Position und in der bekannten Familie. Der Wikipedia-Eintrag dokumentiert stattdessen einen Alwin Reemtsma — und dieser war wohl der Urgroßvater von Luisa Neubauer.
Fazit: Die KI hatte den Namen falsch transkribiert. Das ist nicht böse Absicht, aber es ist das erste große Problem, das wir systematisch lösen müssen, wenn wir mit diesen Datenbeständen arbeiten wollen.
Ein Datenbank-Projekt für genaue Aufarbeitung
Deshalb habe ich beschlossen, eine Datenbank zu entwickeln, in der ich diese Karteikarten systematisch erfasse. Die handgeschriebenen Originaleinträge werden einer neuen Struktur zugeordnet — mit Feldern für Name, Geburtsdatum, Geburtsort, Eintrittsdatum und Bemerkungen zur Verifikation. Wo KI unsicher ist, setze ich Fragezeichen. Wo ich Wikipedia-Einträge oder Spruchkammerakten finde, verlinke ich sie.
Damit der Prozess transparent bleibt, lade ich interessierte Menschen zu einem Workshop ein. Wer teilnehmen will, kann gemeinsam mit mir solche Karteikarten entziffern, verifizieren und in die Datenbank eintragen — soweit meine Videokonferenz-Plattform das hergibt.
Die mathematische Realität: Fast jeder hat bald Nazi-Vorfahren
Hier kommt eine unbequeme Wahrheit: Mit jeder Verdopplung der Vorfahren in der nächsten Generation werden Nazi-Vorfahren statistisch fast unvermeidlich. Jeder von uns hat zwei Elternteile, vier Großeltern und acht Urgroßeltern. Bei etwa 8,5 Millionen NSDAP-Mitgliedern aus einer Bevölkerung von 70 Millionen ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass in den nächsten Generationen jeder hier in Deutschland eine solche Verbindung hat.
Das ist nicht dramatisch gemeint. Es ist ein Aufruf zur Ehrlichkeit und Differenzierung.
Meine eigene Familie: Mitläufer und möglicherweise Täter
Ich bin selbst betroffen. Mein Großvater Albert Rennert war NSDAP-Mitglied — ein Anstreicher aus Höringhausen. Seine Karteikarte zeigt Ungereimtheiten (der Geburtsort ist falsch geschrieben), die suggerieren, dass er sie möglicherweise nicht selbst beantragte. Nach meiner Einschätzung war er ein Mitläufer. Später wurde er zur Entnazifizierung vor die Spruchkammer geladen und erhielt einen Persilschein.
Anders war es bei meinem Onkel Heinrich Rennert, dem älteren Bruder meines Vaters. Er trat bereits mit 18 Jahren der NSDAP und der SS bei (1940) und war an der Niederschlagung des Aufstands im Warschauer Ghetto beteiligt. Im Ghetto wurde er in die Lunge geschossen. Nach der gerade begonnenen Rekonvaleszenz am Atlantikwall fiel er schon wenige Tage nach der Invasion (D-Day) in der Normandie.
Weil er den Krieg nicht überlebte, konnte er anschließend nicht zur Verantwortung gezogen werden. Juristisch lässt sich daher nicht klären, ob er nur Mitläufer und Befehlsempfänger war oder aktiv an Verbrechen beteiligt war. Diesen Widerspruch muss man aushalten, wenn man mit solchen Akten arbeitet.
Historische Gesichter aus meiner Region
In der Datenbank erfasse ich auch Nazis aus dem Dorf, wo ich bis zu meinem 20. Lebensjahr lebte und mehrere Dutzend alte Nazis persönlich kannte:
Reinhard Stracke trat 1942 bei, als 18-Jähriger, und wird als Mitläufer eingestuft. Ich habe ihn später bei Wahlen auf der NPD-Liste und bei den Republikanern gesehen.
Seine Schwester Erna war aktiv in der BDM (Hitlerjugend für Mädchen) und war später meine Erdkundelehrerin. Auch bei ihr wird man fündig, wenn man Arcinsys nutzt. Die vollständige Signatur lautet: HHStAW, 527, II 53025
Erbprinz Josias von Waldeck (ab 1946 Fürst) war ein höherrangiger SS-Obergruppenführer, der bereits 1929 — vier Jahre vor Hitlers Machtergreifung — eintrat. Die Waldecker tendierten schon früh zu den Nazis. Sein Sohn und Erbe war sogar Patenkind von Hitler und Himmler.
Dr. Paul Zimmermann war einer der jüngsten Bürgermeister Deutschlands. Er trat 1933 bei und wurde später als Mitläufer eingestuft. Ich bin ihm 1974/75 als Zivildienstleistender begegnet — er war damals noch Ehrenvorsitzender beim Roten Kreuz in Korbach.
Verbrecher und die Justiz danach
Dann gibt es die wirklich schlimmen Fälle:
Dr. Karl Roland Freisler, Vorsitzender des Volksgerichtshofs, der mit Brüllattacken die Attentäter des 20. Juli zum Tode verurteilte. Er starb beim Bombenangriff auf Berlin 1945. Seine gesamte juristische Karriere ist dokumentiert.
Hans Filbinger, später Ministerpräsident von Baden-Württemberg, war Marinerichter und hatte Todesurteile kurz vor Kriegsende zu verantworten. 1978 nannte ihn der Dramatiker Rolf Hochhuth einen „furchtbaren Juristen“ und „Hitlers Marinerichter“ und diese Bezeichnung durfte stehen bleiben.
Herbert von Karajan, der berühmte Dirigent, war Generalmusikdirektor und offenbar ein Opportunist. Bemerkenswert: Laut Abbildung seiner Karteikarte trat er 1933 in Salzburg ein — damals gehörte Salzburg noch nicht zum Großdeutschen Reich.
Ein Aufruf zur sachgerechten Aufarbeitung
Diese Geschichten zeigen: Wir können KI nicht blind vertrauen. Wir brauchen kollaborative Aufarbeitung — Menschen, die gemeinsam alte Karteikarten entziffern, verifizieren und in strukturierte Datenbanken eintragen.
Deshalb mein Angebot: Wer sich für dieses Thema interessiert und nebenbei umfassend weiterbilden möchte — sei es als Lehrerfortbildung oder allgemeine Fortbildung — kann an dem Workshop kostenlos teilnehmen. Die einzige Bedingung ist eine persönliche Begegnung oder eine einfache Verifikation durch eine 10-Euro-Banküberweisung mit Angabe der zugehörigen E-Mail-Adresse. So werden Menschen und Trolle ausgeschlossen, deren Identität nicht zu ermitteln ist.
Für die Arbeit mit meinen Materialien fallen keine weiteren Kosten an — ich habe ca. hundert Video-Tutorials auf YouTube bereitgestellt. Nur wer eine zusätzliche persönliche Beratung im Einzelmeeting wünscht, zahlt ein Honorar nach den üblichen Volkshochschul-Sätzen für individuelle Betreuung.
Fazit
Die Nazi-Vergangenheit ist durch die Freigabe der Daten und die Möglichkeiten der Übertragung in Datenbanken unter Einbeziehung von KI jetzt leichter und systematischer aufzuarbeiten.
KI erleichtert uns die Recherchearbeit und hilft bei Formulierungen und der Struktur aber die Verantwortung bei Veröffentlichungen müssen wir tragen.
Download der Präsentation: https://konrad-rennert.de/wp-content/uploads/2026/09/Keynote_NSDAP-MitgliedersucheInSZ.pdf

