Bildungsmaterialien selbst produzieren – das war lange ein mühsames Handwerk. Heute reichen ein guter Prompt und ein paar Minuten, um ein interaktives Lernmodul zu erzeugen, das früher Stunden gekostet hätte. Ich erlebe das in meiner eigenen Praxis täglich.
Aber je einfacher die Produktion wird, desto drängender wird eine Frage, die ich mir selbst stellen muss: Wie gut ist das, was ich da erzeuge – wirklich?
In diesem Beitrag zeige ich, was passiert, wenn man genau das ernst nimmt. Ich habe ein interaktives H5P-Video aus meinem Unterricht mit einem Claude-Artefakt verglichen, das in Minuten entstand – und dann beide einer kritischen Prüfung unterzogen, wie sie ein Kultusministerium vornehmen würde. Das Ergebnis hat mich an einigen Stellen überrascht und an anderen bestätigt, was ich schon ahnte: KI verändert die Produktion grundlegend. Die Verantwortung für Qualität bleibt – bei uns.
Den Einstieg in diesen Vergleich habe ich bewusst offen gestaltet: Ich habe Claude meine H5P-Materialien vorgelegt – ohne Bewertungsvorgabe, ohne erwünschtes Ergebnis. Die Frage war schlicht: Was kannst du, was H5P kann – und wo sind die Grenzen? Was ich bekam, war kein Marketing-Text für KI, sondern eine ehrlich differenzierte Einschätzung, die ich so nicht erwartet hatte.
Damit das nicht abstrakt bleibt: Hier das Claude-Artefakt, das direkt aus meinem H5P-Video zum Staatsbankett für König Charles III. abgeleitet wurde – entstanden in wenigen Minuten, ohne Plugin und ohne Editor:
https://claude.ai/public/artifacts/21143148-2e4d-40f5-be2f-dffa56990e6f
Unten die Vorlage für Claude.ai mit interaktivem H5P-Video welches ich als Fallbeispiel in Workshops einsetze:
Es ist zwar langsamer entstanden, dafür aber dauerhaft eingebettet und eigenständig nutzbar.
Wer beide nebeneinander betrachtet, versteht den Kern des Vergleichs besser als jede Beschreibung: Beide funktionieren – aber für unterschiedliche Zwecke, mit unterschiedlichem Aufwand und unter unterschiedlichen Bedingungen.
Der zweite Blick: Was würde ein Kultusministerium dazu sagen?
Eigenlob ist keine Qualitätssicherung. Deshalb habe ich einen zweiten Schritt gewagt: Ich habe Copilot gebeten, das Claude-Artefakt so zu bewerten, wie es ein Kultusministerium tun würde – mit Blick auf Didaktik, Qualitätssicherung, Datenschutz und Fortbildungsrelevanz. Das Ergebnis war unbequem, aber lehrreich. Die vollständige Analyse findet sich in den Copilot-Quellen, der wesentliche Text ist hier dokumentiert:
Kritik des interaktiven Lernmoduls aus Sicht von Kultusministerien
Kurzbewertung
Das vorgestellte interaktive Lernmodul (Claude) bietet ein attraktives Format für historischen Kontext und Schüleraktivierung, weist aber mehrere didaktische, qualitätssichernde und fortbildungsrelevante Schwachstellen auf, die für die Planung von Lehrerfortbildungen im Zeichen von KI relevant sind. [^1]
1. Zusammenfassung des Angebots und Quellenlage
Feststellung: Die aufgerufene Seite weist ausdrücklich darauf hin, dass die Inhalte nutzergeneriert und ungeprüft sind. [^1]
Bedeutung für Kultusministerien: Materialien mit diesem Hinweis können kurzfristig pädagogisch ansprechend sein, dürfen aber nicht ohne Qualitätsprüfung in offiziellen Fortbildungs- oder Unterrichtsangeboten empfohlen werden.
2. Didaktische Qualität und Curriculare Einbindung
- Stärken: Interaktive Formate fördern Motivation, selbstgesteuertes Lernen und können komplexe historische Abläufe anschaulich machen.
- Schwächen: Es fehlt eine klare Zuordnung zu Lernzielen, Kompetenzrastern und Leistungsanforderungen. Ohne verbindliche Lernziele ist die Einbindung in Lehrpläne und Prüfungsformate problematisch.
Konsequenz: Fortbildungen müssen Lehrkräften Werkzeuge an die Hand geben, wie sie interaktive Module curricular verankern, Lernziele operationalisieren und Leistungsbeurteilung standardisieren.
3. Qualitätssicherung, Quellenkritik und Faktentreue
- Problem: Nutzergenerierte Inhalte sind anfällig für Fehler, Verzerrungen und fehlende Quellenangaben.
- Erwartung: Kultusministerien sollten verbindliche Prüfprozesse definieren: fachwissenschaftliche Begutachtung, Quellenprüfung und Versionierung.
Handlungsbedarf: Entwickeln von Checklisten und Zertifizierungsstandards, die in Lehrerfortbildungen vermittelt und praktisch eingeübt werden.
4. KI, Automatisierung und die Rolle der Lehrkraft
- Risiko: Wenn KI-gestützte Tools Inhalte automatisch adaptieren oder generieren, besteht die Gefahr, dass Lehrkräfte die Rolle der kritischen Kuratorin verlieren.
- Chancen: KI kann Differenzierung, adaptive Aufgaben und Feedback unterstützen.
Empfehlung für Fortbildungen: Fokus auf kritische Medienkompetenz, Prompt‑Design, Validierung von KI-Ausgaben und auf Methoden, wie Lehrkräfte KI‑Ergebnisse pädagogisch sinnvoll integrieren.
5. Barrierefreiheit, Datenschutz und rechtliche Aspekte
- Barrierefreiheit: Interaktive Module müssen Zugänglichkeit für unterschiedliche Lernbedürfnisse sicherstellen (z. B. Screenreader, kontrastarme Darstellung, einfache Sprache).
- Datenschutz: Klare Vorgaben zu Datenspeicherung, Tracking und Einwilligungen sind erforderlich, besonders wenn Schülerdaten verarbeitet werden.
Maßnahme: Fortbildungen sollten rechtliche Grundlagen, Datenschutz-Checks und technische Mindestanforderungen vermitteln.
6. Konkrete Empfehlungen für Kultusministerien
- Qualitätsrahmen erstellen
- Inhalt: Kriterienkatalog für geprüfte digitale Lernmodule; verpflichtende Kennzeichnung geprüfter Materialien.
- Fortbildungsmodul „Digitale Kuratierung und KI“
- Inhalte: Quellenkritik, Prompt‑Gestaltung, Validierung von KI‑Outputs, curricularer Anschluss, Datenschutzpraxis.
- Pilotierung und Evaluation
- Vorgehen: Regionale Pilotprojekte mit standardisierten Evaluationsinstrumenten vor breiter Einführung.
- Ressourcen bereitstellen
- Bereitstellung: geprüfte Aufgabenpools, adaptierbare Unterrichtssequenzen, technische Checklisten.
- Netzwerke fördern
- Ziel: Austauschplattformen für Lehrkräfte, Fachexpertinnen und Schulaufsicht zur kontinuierlichen Qualitätsentwicklung.
Schlussbemerkung
Interaktive, KI-unterstützte Lernmodule bieten großes Potenzial für modernen Unterricht. Damit dieses Potenzial realisiert wird, müssen Kultusministerien jedoch verbindliche Qualitäts‑, Datenschutz‑ und Fortbildungsstrukturen schaffen, damit Lehrkräfte souverän, kritisch und kompetent mit solchen Angeboten arbeiten können. [^1]
References (1)
[^1]: Staatsbankett König Charles III. – Interaktives Lernmodul | Claude. https://claude.ai/public/artifacts/bed1804a-8800-46ef-9a02-3bb75617d052
Was bleibt
Diese Analyse war nicht angenehm zu lesen – und das war gut so.
Nicht weil die Kritik falsch wäre. Sondern weil sie zeigt, dass der eigentliche Engpass nicht das Werkzeug ist. Ein gutes Lernmodul in Minuten zu erzeugen ist heute technisch möglich. Es curricular zu verankern, auf Faktentreue zu prüfen, barrierefrei zu gestalten und datenschutzkonform einzusetzen – das bleibt menschliche Aufgabe. Und genau das ist der Kern, um den herum Lehrerfortbildung und Bildungsentwicklung neu gedacht werden müssen.
KI beschleunigt die Produktion. Die Verantwortung für das, was dabei entsteht, beschleunigt sie nicht mit.


Copilot wurde als Kommentator einbezogen:
Kommentar für den Workshop-Kontext
Aus meiner Sicht zeigt dieser Beitrag sehr klar, worum es in der aktuellen Bildungsdebatte wirklich geht: Nicht die Geschwindigkeit der KI ist das Problem – sondern die fehlenden Qualitätsrahmen, in denen sie pädagogisch verantwortungsvoll wirken kann.
In Workshops sehe ich immer wieder denselben Aha‑Moment: Lehrkräfte können heute in Minuten produzieren, wofür früher Stunden oder Tage nötig waren. Aber sobald es um Lernziele, Kompetenzraster, Barrierefreiheit, Datenschutz oder curriculare Passung geht, wird sichtbar, dass KI‑Materialien ohne menschliche Kuratierung nur Rohmaterial sind.
Für die Praxis bedeutet das:
KI eignet sich hervorragend für Prototyping, Differenzierung und Ideenentwicklung.
Die professionelle Verantwortung bleibt jedoch bei den Menschen: Validieren, einbetten, prüfen, anpassen.
Und genau dafür brauchen Schulen und Ministerien neue Qualitätsstandards, die KI‑Produktion nicht ausbremsen, sondern didaktisch einhegen.
Ich sehe darin keinen Widerspruch, sondern eine Chance: Wenn wir KI als Werkzeug der didaktischen Beschleunigung verstehen, nicht als Ersatz für pädagogische Expertise, entsteht ein produktiver Raum für Innovation – und genau dort setzen gute Workshops an.