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Nicht der stramme Soldat, sondern der Verteidigungsingenieur
Über einen notwendigen Paradigmenwechsel bei Bildung, Technologie und Verteidigungsfähigkeit
Konrad Rennert
Felsberg, Nordhessen
August 2026
Inhalt
1. Ein persönlicher Ausgangspunkt. 2
2. Verteidigungsfähigkeit ist mehr als militärische Stärke. 2
3. Die Bundeswehr als lernende Organisation. 3
4. Der Ukrainekrieg als Lernfeld – aber nicht als fertige Doktrin. 4
5. Vom Rüstungsdenken zum Verteidigungs-Controlling. 4
6. Der Verteidigungsingenieur 5
7. Eine neue Verbindung von Bundeswehr, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. 6
8. Was ich heute anders entscheiden würde. 6
9. Die eigentliche Aufgabe: Demokratie muss lernen können. 7
1. Ein persönlicher Ausgangspunkt
Im August 2026 besuchte ich als Großvater die Gelöbnisfeier junger Rekrutinnen und Rekruten in Meiningen. Ich sah dort ein Ritual, das mich stärker beschäftigte, als ich zunächst erwartet hatte. Junge Menschen versprachen, Verantwortung für die Bundesrepublik Deutschland zu übernehmen. Für viele war dies vermutlich ein Schritt in einen Beruf, für andere ein Abschnitt ihres Lebens. Für mich wurde es zu einem Anlass, über eine Frage nachzudenken, die ich vor mehr als fünfzig Jahren ganz anders beantwortet hatte:
Was muss eine demokratische Gesellschaft heute können, um ihre Freiheit zu verteidigen?
Diese Frage hat für mich eine persönliche Vorgeschichte. Als junger Mann verweigerte ich den Wehrdienst. Das war in den politischen Verhältnissen der frühen 1970er Jahre für mich eine konsequente Entscheidung. Die Entspannungspolitik Willy Brandts, die Hoffnung auf eine Überwindung der Blockkonfrontation und meine grundsätzliche Skepsis gegenüber militärischer Gewalt bildeten den politischen Hintergrund.
Heute würde ich dieselbe Frage nicht mehr auf dieselbe Weise beantworten.
Das bedeutet allerdings nicht, dass ich vom Kriegsdienstverweigerer zum Militaristen geworden bin. Im Gegenteil: Die Motivation ist im Kern dieselbe geblieben. Es geht mir weiterhin um Frieden, Freiheit und Menschenwürde. Verändert hat sich meine Einschätzung der Voraussetzungen, unter denen diese Werte erhalten werden können.
Der russische Angriff auf die Ukraine hat die Vorstellung erschüttert, dass territoriale Gewalt in Europa endgültig zum politischen Anachronismus geworden sei. Daraus folgt für mich nicht die Verherrlichung militärischer Gewalt. Es folgt vielmehr die Notwendigkeit, über Verteidigungsfähigkeit neu nachzudenken.
Genau hier beginnt meine eigentliche Frage: Braucht eine demokratische Gesellschaft für ihre Verteidigungsfähigkeit vor allem möglichst viele klassische Soldaten – oder braucht sie zunehmend Menschen, die technische, digitale, organisatorische und gesellschaftliche Systeme verstehen und gestalten können?
Ich plädiere für eine Erweiterung des Leitbildes.
Der Soldat bleibt notwendig. Aber neben ihm entsteht eine neue Figur: der Verteidigungsingenieur.
2. Verteidigungsfähigkeit ist mehr als militärische Stärke
Verteidigung wird häufig in Kategorien von Personal, Waffen, Material und Haushaltsmitteln diskutiert. Diese Größen sind wichtig. Sie reichen aber nicht aus, um die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu beschreiben.
Moderne Gesellschaften hängen von hochkomplexen technischen Systemen ab: Energieversorgung, Kommunikation, Satellitennavigation, Rechenzentren, Logistik, Verkehr, Produktionsketten und digitale Verwaltungsstrukturen. Werden diese Systeme gestört, kann dies für die Funktionsfähigkeit eines Staates ebenso bedeutsam sein wie ein Angriff auf klassische militärische Einrichtungen.
Verteidigungsfähigkeit ist deshalb zunehmend eine Systemfrage.
Wer ein komplexes System verteidigen will, muss zunächst verstehen, wie dieses System funktioniert, wo seine Abhängigkeiten liegen und welche Ausfälle es verkraften kann. Genau darin liegt die Stärke eines ingenieurwissenschaftlichen Denkens: Nicht das einzelne Bauteil steht im Mittelpunkt, sondern das Zusammenspiel der Komponenten.
Als Physiker habe ich gelernt, Probleme zunächst als Systeme zu betrachten. Als Pädagoge habe ich später erfahren, dass auch Wissen selbst ein System ist: Es muss verfügbar, aktualisierbar und in einer konkreten Situation anwendbar sein.
Diese beiden Erfahrungen treffen sich in der heutigen Verteidigungsfrage.
3. Die Bundeswehr als lernende Organisation
Damit verändert sich auch die Bedeutung von Ausbildung.
Die Grundausbildung hat zweifellos eine wichtige Funktion. Menschen, die aus sehr unterschiedlichen sozialen Milieus kommen, müssen lernen, miteinander zu arbeiten, Verantwortung füreinander zu übernehmen und sich in einer gemeinsamen Organisation zurechtzufinden. Kameradschaft, Zuverlässigkeit und Disziplin sind dabei keine überholten Werte.
Problematisch wird es jedoch dort, wo Sozialisation und Fachausbildung nicht ausreichend voneinander unterschieden werden.
Technisches Wissen altert heute schneller, als traditionelle Ausbildungsorganisationen darauf reagieren können. Ein Drohnenoperator, IT-Spezialist oder Techniker kann nicht darauf vertrauen, dass das einmal erworbene Wissen für die nächsten zehn oder zwanzig Jahre ausreicht.
Die Konsequenz müsste eine Bundeswehr sein, die sich selbst als lernende Organisation versteht.
Das bedeutet: Ausbildung endet nicht mit einem Lehrgang. Sie wird zu einem permanenten Prozess aus Anwendung, Erfahrung, Auswertung, Lernen und erneuter Anwendung.
Gerade hier eröffnet Künstliche Intelligenz neue Möglichkeiten.
Ein KI-System kann bei geeigneter Gestaltung als individueller Lernassistent dienen. Es kann Wissen erklären, unterschiedliche Lernwege anbieten, Fehler analysieren, Simulationen begleiten und bei der Vorbereitung auf konkrete Aufgaben unterstützen. Es kann allerdings nicht die Verantwortung des Menschen ersetzen. Gerade im militärischen Bereich müssen Grenzen, Zuständigkeiten und Kontrollmöglichkeiten besonders klar definiert werden.
Meine Erfahrungen aus Jahrzehnten digitaler Erwachsenenbildung führen mich deshalb zu einem einfachen Prinzip:
Nicht möglichst viel Wissen auf Vorrat vermitteln, sondern Menschen dazu befähigen, sich das notwendige Wissen zuverlässig und verantwortungsvoll anzueignen.
Das ist ein Paradigmenwechsel.
4. Der Ukrainekrieg als Lernfeld – aber nicht als fertige Doktrin
Der Krieg in der Ukraine zeigt besonders eindrucksvoll, wie schnell sich militärische Technologien und Methoden verändern können.
Drohnen, elektronische Aufklärung, digitale Kommunikation, Präzisionswaffen, Satellitendaten und improvisierte technische Lösungen spielen eine zentrale Rolle. Gleichzeitig zeigt der Krieg aber auch die Grenzen einer rein technologischen Betrachtung. Menschen, Logistik, industrielle Produktionskapazitäten, politische Unterstützung und gesellschaftliche Widerstandsfähigkeit bleiben entscheidend.
Deshalb wäre es falsch, aus dem Ukrainekrieg eine einfache Formel abzuleiten: Drohnen ersetzen Panzer, Technik ersetzt Soldaten oder künstliche Intelligenz ersetzt militärische Führung.
Die wichtigere Erkenntnis lautet:
Technologie verändert die Bedingungen militärischer Auseinandersetzungen schneller, als traditionelle Organisationen ihre Strukturen verändern können.
Damit wird Lernfähigkeit selbst zu einem strategischen Faktor.
Ein System, das innerhalb von Wochen neue technische Lösungen entwickeln, erproben, auswerten und wieder verbessern kann, besitzt einen erheblichen Vorteil gegenüber einer Organisation, deren Beschaffungs- und Ausbildungszyklen Jahre benötigen.
Der entscheidende Wettbewerb findet daher nicht nur zwischen Waffensystemen statt. Er findet auch zwischen Lern- und Innovationssystemen statt.
5. Vom Rüstungsdenken zum Verteidigungs-Controlling
Diese Perspektive führt zu einer unbequemen Frage: Werden die für Verteidigung bereitgestellten finanziellen Mittel tatsächlich so eingesetzt, dass daraus möglichst viel Verteidigungsfähigkeit entsteht?
Das ist etwas anderes als die Frage, ob Deutschland mehr oder weniger Geld für Verteidigung ausgeben soll.
Es geht um das Verhältnis von Ressourcen und Wirkung.
In der Privatwirtschaft gehören Controlling, Qualitätsmanagement, Fehleranalyse und kontinuierliche Verbesserung zum Alltag. Eine Organisation untersucht, welche Maßnahmen wirken, welche scheitern und wie Prozesse verbessert werden können.
Ein demokratischer Staat darf diese Methoden allerdings nicht unkritisch übernehmen. Militärische Entscheidungen lassen sich nicht vollständig in betriebswirtschaftliche Kennzahlen übersetzen. Menschenleben, politische Verantwortung, Bündnisfähigkeit und ethische Grenzen sind keine Kostenstellen.
Dennoch scheint mir ein stärkeres systematisches Lernen aus realen Erfahrungen dringend notwendig.
Dazu gehören insbesondere:
- systematische Auswertung aktueller Konflikte,
- schnellere Rückkopplung zwischen Einsatz, Forschung und Beschaffung,
- experimentelle Erprobung neuer Technologien,
- offene Innovationsprozesse,
- Zusammenarbeit mit Hochschulen und Unternehmen,
- stärkere Nutzung der Kompetenzen von Reservistinnen und Reservisten,
- und eine Organisationskultur, in der begründete Kritik nicht als Illoyalität verstanden wird.
Gerade junge Menschen mit Kompetenzen in Informatik, Robotik, Datenanalyse und KI könnten dabei eine besondere Rolle spielen.
Sie sollten nicht nur als Nutzer fertiger Systeme betrachtet werden. Sie könnten zu Mitentwicklern der Verteidigungsfähigkeit werden.
6. Der Verteidigungsingenieur
Hier gewinnt der Begriff des Verteidigungsingenieurs seine eigentliche Bedeutung.
Gemeint ist damit nicht lediglich ein Ingenieur, der für die Bundeswehr arbeitet. Gemeint ist ein neues Kompetenzprofil.
Der Verteidigungsingenieur muss technische Systeme verstehen, aber zugleich deren gesellschaftliche und politische Bedeutung reflektieren können.
Er oder sie sollte beispielsweise
- komplexe Systeme analysieren,
- digitale und physische Infrastruktur verstehen,
- mit KI-Systemen kompetent umgehen,
- Daten bewerten können,
- technische Risiken abschätzen,
- Prozesse optimieren,
- Probleme mathematisch und logisch modellieren,
- interdisziplinär arbeiten,
- und die ethischen Grenzen technischer Anwendungen erkennen.
Das ist ein anderes Leitbild als das des ausschließlich befehlsorientierten Soldaten.
Disziplin bleibt notwendig. Körperliche Belastbarkeit bleibt notwendig. Hierarchie kann in bestimmten Situationen unverzichtbar sein.
Aber in einer technologisierten Verteidigungsorganisation reicht Gehorsam allein nicht mehr aus.
Ein Mensch, der nur Befehle ausführen kann, ist in einer hochkomplexen technischen Umgebung weniger wertvoll als jemand, der das System versteht und innerhalb klar definierter Verantwortungsgrenzen selbstständig Lösungen entwickeln kann.
Der Verteidigungsingenieur ist deshalb nicht das Gegenteil des Soldaten.
Er ist dessen notwendige Ergänzung.
7. Eine neue Verbindung von Bundeswehr, Wissenschaft und Zivilgesellschaft
Damit stellt sich auch die Frage nach dem Verhältnis zwischen Bundeswehr und ziviler Gesellschaft neu.
Deutschland verfügt über hervorragende Hochschulen, Forschungseinrichtungen, mittelständische Technologieunternehmen und eine große Zahl hochqualifizierter Fachkräfte. Gleichzeitig bestehen zwischen diesen Welten noch immer erhebliche Berührungsängste.
Warum sollte ein Informatiker, eine Physikerin, ein Robotiker oder ein KI-Spezialist seine Kenntnisse nicht zeitweise in den Dienst der demokratischen Verteidigungsfähigkeit stellen?
Denkbar wären beispielsweise zeitlich begrenzte Projekte, Reservistenmodelle, Forschungskooperationen, zivile Hospitationen und gemeinsame Innovationslabore.
Gerade für Menschen, die nicht dauerhaft Soldaten werden wollen, könnte daraus ein alternatives Beteiligungsmodell entstehen.
Das wäre auch gesellschaftspolitisch interessant: Verteidigung würde nicht mehr ausschließlich als Aufgabe einer abgeschlossenen militärischen Institution verstanden, sondern als gemeinsame Aufgabe einer demokratischen Gesellschaft.
8. Was ich heute anders entscheiden würde
Damit komme ich zu meiner eigenen Biografie zurück.
Vor mehr als fünfzig Jahren habe ich den Wehrdienst verweigert. Ich bereue diese Entscheidung nicht. Sie entsprach meiner damaligen Überzeugung und den Erfahrungen meiner Generation.
Aber wenn ich heute noch einmal vor derselben Entscheidung stünde, würde ich vermutlich anders fragen.
Ich würde nicht fragen:
„Will ich Soldat werden?“
Ich würde fragen:
„Welche Fähigkeiten kann ich einbringen, damit eine demokratische Gesellschaft sich verteidigen kann, ohne ihre eigenen Werte aufzugeben?“
Für einen Physiker, Informatiker, Ingenieur oder Pädagogen könnte die Antwort möglicherweise in einer Tätigkeit liegen, die mit dem klassischen Bild des Soldaten nur wenig gemeinsam hat.
Ich könnte mir deshalb vorstellen, heute Verteidigungsingenieur werden zu wollen.
Nicht, weil ich Krieg für ein wünschenswertes Mittel der Politik halte.
Sondern weil ich Frieden nicht mit Wehrlosigkeit gleichsetzen möchte.
9. Die eigentliche Aufgabe: Demokratie muss lernen können
Die vielleicht wichtigste Konsequenz geht über die Bundeswehr hinaus.
Eine Gesellschaft, die ihre Verteidigungsfähigkeit sichern will, muss eine lernfähige Gesellschaft sein.
Das betrifft Schulen, Hochschulen, berufliche Bildung und Weiterbildung. Es betrifft digitale Kompetenz ebenso wie politische Bildung. Und es betrifft zunehmend die Fähigkeit, mit künstlicher Intelligenz souverän umzugehen.
Meine eigene Arbeit als Online-Dozent und meine gegenwärtige Beschäftigung mit der Frage, wie KI sinnvoll in Bildungsprozesse und Curricula integriert werden kann, führen mich deshalb zu einem Gedanken, der über die militärische Fragestellung hinausweist:
Die wichtigste Ressource einer demokratischen Gesellschaft sind nicht ihre Waffen, sondern ihre lernfähigen Menschen.
Technologie kann diese Menschen unterstützen. Sie kann ihre Fähigkeiten erweitern. Sie kann aber auch Abhängigkeiten schaffen und neue Risiken erzeugen.
Deshalb braucht technologische Verteidigungsfähigkeit immer auch Bildung.
Und zwar nicht nur militärische Ausbildung, sondern eine Bildung, die Menschen befähigt, technische Systeme zu verstehen, Informationen kritisch zu bewerten, mit KI verantwortlich umzugehen und eigene Entscheidungen zu treffen.
10. Offene Fragen
Damit ist keine fertige Reform der Bundeswehr beschrieben. Im Gegenteil: Der Gedanke des Verteidigungsingenieurs wirft neue Fragen auf.
Wie lässt sich die notwendige militärische Sozialisation mit einer hochspezialisierten technischen Ausbildung verbinden?
Wie kann eine hierarchische Organisation gleichzeitig diszipliniert und innovationsfähig sein?
Wie gewinnt die Bundeswehr technische Talente, ohne sie durch überkommene Organisationskulturen zu verlieren?
Wie viel Entscheidungsautonomie darf ein Mensch erhalten, der mit KI-gestützten Systemen arbeitet?
Und vor allem:
Wie kann eine demokratische Gesellschaft technologisch verteidigungsfähig werden, ohne selbst den Charakter einer offenen und freiheitlichen Gesellschaft zu verlieren?
Das sind keine Fragen, die allein von Militärs beantwortet werden können.
Sie betreffen Ingenieure, Informatiker, Pädagogen, Philosophen, Politiker und letztlich die gesamte Gesellschaft.
Schluss
Die Gelöbnisfeier in Meiningen hat mir deshalb nicht gezeigt, dass ich meine frühere Haltung gegenüber Militär und Krieg aufgeben müsste.
Sie hat mir gezeigt, dass ich die Frage neu stellen muss.
Der Kriegdienstverweigerer von 1974 und der über siebzigjährige Physiker und Pädagoge von 2026 sind nicht zwei verschiedene Personen. Beide verbindet der Wunsch, Freiheit und Menschenwürde zu bewahren.
Was sich verändert hat, ist die Einsicht in die Bedingungen, unter denen dies möglich sein könnte.
Vielleicht besteht die Zukunft der Verteidigung deshalb weniger im Bild des „strammen Soldaten“ als in einer neuen Verbindung von Mensch, Technik, Bildung und Verantwortung.
Der Verteidigungsingenieur wäre dann nicht das Symbol für eine Militarisierung der Gesellschaft.
Er könnte vielmehr für etwas anderes stehen:
für eine Gesellschaft, die ihre Freiheit ernst nimmt und deshalb lernen will, wie sie diese Freiheit schützen kann.

