Zum Inhalt springen

Abitur(FIASKO?) damals und heute: Ein persönlicher Blick zurück

KR&KI: Wenn ich heute mein Abiturzeugnis von 1974 anschaue – Vorder‑ und Rückseite – dann sehe ich nicht nur Fächer, Noten und Stempel. Ich sehe eine Zeit, in der Schule noch ein Ort war, an dem man etwas bestehen musste. Nicht verhandeln, nicht relativieren, nicht kommentieren – bestehen.

Meine Gesamtnote? Klassendurchschnitt. Meine Physiknote? Eine 3. Und trotzdem habe ich Physik studiert. Warum? Weil ich wusste, dass ich kein Numerus‑Clausus‑Fach wollte. Die Note war kein Schicksal, sondern eine Zahl. Und Zahlen konnte ich schon damals ganz gut einordnen.

Ich kannte meine heutige Frau bereits, hatte in den Ferien das Geld für mein erstes Auto verdient – und das Abitur war schlicht die Eintrittskarte ins Studium. Kein Drama, kein Mythos, kein „Abi-Fiasko“. Ein Leistungsnachweis, fertig.

Und während heute in Hagenow ein Drittel der Abiturienten durchfällt und sofort die Eltern auf der Matte stehen, erinnere ich mich daran, wie es bei uns war: Wer durchfiel, wurde vom Klassenlehrer persönlich nach Hause gebracht – um Suizide zu verhindern. Das war die Realität. Hart, aber ehrlich. Zwei sind damals durchgefallen. Beide haben im nächsten Jahr bestanden. Einer wurde Pfarrer, der andere Elektroingenieur. Das Leben war kein linearer Karriereplan, sondern ein Weg mit Abzweigungen – und manchmal eben mit Wiederholungen.

Ich selbst war der Einzige im Jahrgang, der kein mündliches Abitur machen musste. Nicht, weil ich so brillant war, sondern weil ich mit den Noten einverstanden war. Das war praktisch: Ich konnte sofort meinen Ferienjob antreten. Heute würde man dafür vermutlich ein „individuelles Lernentwicklungsprofil“ erstellen.

Wenn ich das alles mit der aktuellen Debatte vergleiche, dann frage ich mich: Wann genau haben wir angefangen, das Abitur zu einem gesellschaftlichen Drama zu machen?

Damals war es das Ende der gehobenen Schulbildung. Punkt. Heute ist es ein politisches Projekt, ein pädagogisches Experiment und ein mediales Dauerfeuer.

Vielleicht brauchen wir tatsächlich umfassende Anpassungen – nicht nur für Schüler, sondern für Eltern, Lehrkräfte, Politik und Öffentlichkeit. Damit das Abitur wieder das ist, was es sein sollte: Ein Abschluss, der zeigt, dass man etwas gelernt hat. Nicht perfekt, nicht endgültig – aber ehrlich.

Und vielleicht sollten wir uns daran erinnern, dass ein Abiturzeugnis nicht das Leben definiert. Es ist nur eine Option die aktuelle Reife nachzuweisen. Der Rest passiert draußen – im Studium, im Beruf, im Alltag, im Umgang mit Menschen. So war es damals. So sollte es wieder sein.

Schreibe einen Kommentar