Ab und zu liefert unser gebührenfinanziertes Fernsehen Reportagen, die sich geradezu ideal als Vorlage für Bildungsveranstaltungen eignen. Ein aktuelles Beispiel: ein ZDF-Beitrag darüber, wie Singapur religiöse Vielfalt steuert. Genau an diesem Beispiel will ich zeigen, was aus einem einzigen guten Fernsehbeitrag alles werden kann – wenn man ihn richtig anfasst.
Die Konserve: Warum an YouTube (fast) kein Weg vorbeiführt
Damit ein Fernsehbeitrag bildungswirksam werden kann, braucht man zunächst eine Konserve – eine dauerhaft verfügbare Fassung, die über den Sendetermin hinaus nutzbar bleibt. Und da ist YouTube nach wie vor das Maß aller Dinge. Warum? Man erreicht die Plattform von überall, und bei vielen Videos lässt sich in den Einstellungen die automatische Übersetzung in über 100 Sprachen aktivieren – Arabisch, Englisch, diverse afrikanische Sprachen, praktisch alles ist möglich. Das bedeutet: Menschen in völlig anderen Regionen der Erde können sich denselben Beitrag ansehen und sich eine eigene, unabhängige Meinung bilden.
Vom Transkript zum Selbsttest
Mit den Möglichkeiten, die uns KI heute bietet, lässt sich das bereitgestellte Transkript – in meinem Fall die deutsche Fassung – auswerten, um daraus unterrichtswirksame Selbsttests zu machen: Habe ich den Inhalt des Videos wirklich verstanden? Wer aufmerksam zugeschaut hat, sollte in der Lage sein, eine Reihe von Fragen zu beantworten, die sich unmittelbar auf den Transkripttext beziehen. In der einfachsten Form stellt man eine Behauptung auf, und die befragte Person – zum Beispiel ein Schüler – muss entscheiden: wahr oder falsch? Wer nur rät, kommt dabei erfahrungsgemäß nicht in die Nähe von 100 % richtigen Antworten. Dieses Verfahren lässt sich standardisiert auf praktisch jedes Video dieser Art anwenden – und so überprüfen, ob diejenigen, die einen Beitrag aufmerksam anschauen sollten, tatsächlich verstanden haben, worum es geht.
Ein Video, zwei Fächer: PoWi und DaF gemeinsam gedacht
Gerade im Fach Deutsch als Fremdsprache ist dieses Video in mehrfacher Hinsicht geeignet: Man bekommt Informationen über Singapur, über religiöse Vielfalt und das friedliche Miteinander von Menschen in einer gelenkten Demokratie – und kann das mit unseren eigenen Verhältnissen vergleichen. Im PoWi-Unterricht lassen sich dieselben Fragen stellen wie im DaF-Unterricht: Wissen die Menschen, die gerade Deutsch lernen, welche rechtlichen Unterschiede zu einer gelenkten Demokratie wie Singapur bestehen? Unsere freiheitlich demokratische Grundordnung mit ihrer Betonung auf individuellen Freiheiten ist ganz anders angelegt. Dort liegt der Schwerpunkt auf gesellschaftlicher Harmonie, bei uns auf der Individualität des Einzelnen und seinen Rechten, die nur in seltenen Ausnahmefällen eingeschränkt werden dürfen.
Ein konkretes Beispiel: Hassrede ist auch bei uns nicht erlaubt, wenn dadurch Menschen gefährdet werden. In Singapur dagegen ist schon strafbar, wer sich über andere Religionen lustig macht – etwas, das bei uns noch von der Meinungsfreiheit gedeckt wäre. Genau solche Unterschiede sollte man mit Menschen hierzulande thematisieren.
Orientierungswissen für neu Angekommene
Besonders wertvoll finde ich diesen Vergleich für neu angekommene Menschen. Wer als Gast oder als Geflüchteter zu uns kommt, sollte wissen, wo er oder sie angekommen ist – und was hier erwartet wird. Der Blick auf ein anderes Land mit einem anderen politischen Modell schärft den Blick für das, was an unserer eigenen Ordnung besonders ist.
Vom Papierbogen zum interaktiven Artefakt
In meinem eigenen Beispiel habe ich das Transkript von Copilot, der KI von Microsoft, auswerten lassen und sie gebeten: Leite mir aus diesem Transkript 30 Fragen ab, die mit wahr oder falsch beurteilt werden sollen. Das lässt sich pädagogisch gut nutzen: „Mach’s noch mal, so lange, bis du in der Lage bist, alles richtig zu machen.“ Das funktioniert klassisch auf Papier, als Fragebogen. Es geht aber auch anders – und hier bietet die KI von Anthropic, Claude, deutlich mehr: Wir haben hier die Möglichkeit, ein sogenanntes Artefakt zu produzieren.
https://claude.ai/public/artifacts/bdd96cca-b6c4-4536-9158-953580e4cea0
Damit lässt sich interaktiv auf wahr oder falsch klicken, und man bekommt sofort die Rückmeldung, ob die Antwort richtig oder falsch war. Treibt man das noch weiter, lässt sich dasselbe Prinzip auch mit H5P umsetzen – dieselben Wahr-Falsch-Fragen – und in Lernmanagementsysteme wie Moodle einbinden, etwa um eine Art Beurteilung zu ermöglichen, aus der sich letztlich sogar eine Note ableiten ließe.
Warum ich trotzdem nicht allein auf Benotung setzen will
Ich denke allerdings, dass man Benotung heute grundlegend anders angehen sollte als früher – denn die klassische Form führt aus meiner Sicht schnell zu reinem Bulimie-Lernen. Wichtiger erscheint mir: Man gibt Kursteilnehmern, Schülern, Studierenden, Zugewanderten – allen, bei denen das sinnvoll erscheint – den Auftrag, sich ein Video wie dieses anzuschauen, und führt anschließend ein Gespräch, zum Beispiel per Videokonferenz. Wie stehst du zu diesem Video? Was hast du wahrgenommen? So stellt man fest, ob jemand den Beitrag wirklich gesehen und richtig verstanden hat. Und wenn das der Fall ist, lässt sich das auch bescheinigen – etwa als Leistungspunkt für Menschen, die als Zugewanderte hier leben und sich in die Gesellschaft integrieren wollen. Sie können damit differenziert nachweisen, dass sie über unsere Demokratie Bescheid wissen – auch, weil sie wissen, wie es anderswo aussieht.
Der zweite Schritt: Schüler und junge Lehrkräfte als Materialentwickler
Das war der erste Teil – was sich mit dem Video selbst machen lässt. Der zweite Teil geht weiter: Dieses Video eignet sich nicht nur, um Schülern oder Zugewanderten unsere Gepflogenheiten und unser Grundgesetz zu vermitteln, das anders ist als die Gesetzeslage in Südostasien, in den USA oder in Ländern, die mit Demokratie überhaupt nichts zu tun haben. Für diese Zielgruppen ist das eine Sache. Die andere: Wie versetzt man junge Lehrkräfte oder Oberstufenschüler, die eigentlich schon in der Lage sein sollten, eigene Materialien zu erstellen – etwa für Facharbeiten –, systematisch in die Lage, auf kürzestem Weg selbst solche Unterrichtsmaterialien zu entwickeln?
Der Weg dahin: schauen, was seriöse Sender oder seriöse Medien – Zeitungen ebenso wie ARD, ZDF oder andere Fernsehanstalten – bei YouTube hinterlassen haben, und das für die eigene Materialerstellung nutzen. Etwa für das Inverted-Classroom-Konzept, bei dem jeder Kursteilnehmer das Video im eigenen Tempo konsumiert: Muttersprachler können die Geschwindigkeit sogar heraufsetzen, wie ich es selbst mache; Lernende einer Fremdsprache lassen es langsamer laufen. Parallel lässt sich das Transkript in beliebigen Sprachen mitlesen, und natürlich lässt sich alles beliebig oft wiederholen.
Und dann sollte eine Lehrkraft auch in der Lage sein, ein paar gute Prompts zu setzen – so wie ich es hier vorgemacht habe –, um sich von einer KI wie Copilot, Claude, ChatGPT oder auch Le Chat von Mistral passende Unterrichtsmaterialien geben zu lassen. Damit lassen sich Schüler in die Lage versetzen, sich selbst einzuschätzen – und, wenn es sein muss, auch eine Leistungsbeurteilung vorzunehmen, wie es an vielen Schulen ja weiterhin üblich ist.
KI-Transparenzhinweis (KR&KI): Dieser Text wurde auf Basis eines von mir gesprochenen Transkripts mit Unterstützung von Claude (Anthropic) strukturiert und sprachlich geglättet. Thesen, Beispiele und die zugrundeliegende Argumentation stammen von mir.
PS: Vor diesem Beitrag gab es den folgenden Dialog mit Claude: https://claude.ai/share/ecedf33c-86bf-482f-8064-ee60973a1caa
Nach der Veröffentlichung dieses Beitrages habe ich von Copilot ein Storyboard für ein noch zu ergänzendes Erklärvideo produzieren lassen:
https://copilot.microsoft.com/shares/4jVPCpNG2KftjnBACXsPk
Struktur für dieses YouTube‑Video (kompakt)
- Hook: „Aus einem ZDF‑Beitrag ein komplettes Unterrichtsmaterial? Geht!“
- Problem: Gute Inhalte verschwinden nach dem Sendetermin.
- Lösung: YouTube + Transkript + KI.
- Demonstration: Selbsttest, Artefakte, Vergleichsperspektiven.
- Didaktischer Mehrwert: PoWi, DaF, Integration (UT-Sprache, Abspielgeschwindigkeit)
- Materialproduktion: Lernende erstellen selbst Unterrichtsmaterial.
- Call‑to‑Action: „Nutzt seriöse Medien als Rohmaterial – die KI erledigt den Rest.“

