Vorwort: Wie eine Excel-Arbeitsmappe unterschiedliche Perspektiven auf Geschichte sichtbar macht
Die Grundidee stammt aus dem Jahr 2020: das GlobalYearbook – ein globales Weblink-Jahrbuch zum Vergleich der Geschichtsschreibung in der Wikipedia. Bei der Vorbereitung meiner Dissertation habe ich mich daran erinnert und gefragt: Wie lässt sich mit dieser sechs Jahre alten Methode das Verständnis geschichtlicher Ereignisse vertiefen?
Ein Beispiel ist die Zeit des römischen Kaisers Augustus. Nach der Bibel wurde damals Jesus geboren. In den Jahren danach leisteten die Germanen den Römern in der Varusschlacht (9 n. Chr.) Widerstand. Im selben Jahr übernahm in China Wang Mang die Macht. Die Forschung ist sich bis heute uneinig, ob er ein rückwärtsgewandter Konfuzianer oder ein erstaunlich moderner Sozialreformer war, dessen Experiment scheiterte. Wie wird dieselbe Epoche in den Sprachräumen der Welt dargestellt, und wo liegen die Unterschiede?
Excel dient hier als Forschungswerkzeug für kulturvergleichendes Lernen. Die Arbeitsmappe habe ich 2020 vollständig ohne KI erstellt und dafür mehrere Stunden bis zur Veröffentlichung gebraucht. Als ich kürzlich untersuchte, wie die Anfänge des Christentums in verschiedenen Sprachräumen dargestellt werden, konnte ich meine Gedanken mit KI-Unterstützung deutlich schneller ordnen. Daraus entstanden die vier Teile dieses Beitrags:
Teil 1 – Wikipedia als mehrsprachiges Wissenssystem.. 1
Teil 2 – Die Excel-Arbeitsmappe „Globales Weblink-Jahrbuch“. 1
Teil 3 – Einsatz im Unterricht. 1
Teil 4 – Die journalistischen W-Fragen. 1
KI-Einsatz bei diesem Beitrag
Die Arbeitsmappe und die Grundidee stammen von mir aus dem Jahr 2020. Die Beschreibung der Mappe, das Titelbild, der Vergleichs-Prompt und das Drehbuch zum geplanten Video entstanden mit Unterstützung von Claude und ChatGPT. Die Gespräche sind mit den folgenden Links nur für mich und meine Diskussionspartner nachvollziehbar, wenn es erforderlich wird:
https://claude.ai/chat/cbdc1737-cdda-4beb-bc21-7534594a0757
https://chatgpt.com/c/6ac0fa7b-ad8c-83eb-b27a-205c54613d25
Teil 1 – Wikipedia als mehrsprachiges Wissenssystem
a) Was ist mit über 300 Sprachversionen möglich?
Wikipedia ist nicht einfach eine Enzyklopädie, die in mehr als 300 Sprachen übersetzt wurde. Die Sprachversionen sind eigenständige Redaktionsgemeinschaften mit jeweils eigenen Schwerpunkten, Lücken und Aktualisierungsständen.
Im Oktober 2026 gibt es 364 Wikipedia-Sprachversionen; 347 davon haben mehr als 100 Artikel, 184 mehr als 10.000 und 77 mehr als 100.000 Artikel. Zusammen umfassen sie mehr als 68 Millionen Artikel.
Damit wird etwas möglich, was für die Geisteswissenschaften besonders interessant ist:
Man kann nicht nur nachschauen, was über ein Thema bekannt ist, sondern vergleichen, was verschiedene Sprach- und Kulturräume für wissenswert halten.
Das ist ein anderer Forschungsgegenstand: Wikipedia wird selbst zum Material einer kulturvergleichenden Untersuchung.
b) Unterschiedliche Gewichtungen
Die Sprachversionen sind nicht gleichgewichtig. Unterschiede entstehen unter anderem durch:
- Anzahl und Aktivität der Autoren,
- Größe und Geschichte der jeweiligen Community,
- Verfügbarkeit von Quellen,
- Aktualität der Bearbeitung,
- kulturelle und regionale Interessen,
- unterschiedliche wissenschaftliche Traditionen.
Das Wikimedia-Projekt Wikipedia Diversity Observatory untersucht solche Unterschiede ausdrücklich. Es bezeichnet beispielsweise die jeweils sprach- bzw. kulturbezogenen Inhalte als Cultural Context Content (CCC). Dieser umfasst etwa Orte, Personen, Ereignisse, Traditionen und Begriffe aus dem kulturellen Umfeld einer Sprachgemeinschaft.
Besonders deutlich wird die Asymmetrie bei kleineren Wikipedias: Wikimedia weist darauf hin, dass viele Sprachversionen ihren eigenen kulturellen Kontext nur schwach abdecken; bei 145 Sprachversionen liegt der Anteil des erfassten kulturellen Kontextes unter zehn Prozent.
Daraus folgt: Ein fehlender Artikel ist nicht automatisch ein fehlendes historisches Ereignis. Er kann auch bedeuten, dass es in dieser Sprachgemeinschaft keine ausreichende Wikipedia-Autorenschaft oder andere Prioritäten gibt.
c) Beispiele aus verschiedenen Sprachräumen
Für die Geisteswissenschaften bietet sich ein Vergleich beispielsweise so an:
| Sprachraum | Mögliche besondere Perspektive |
| Deutsch | Martin Luther und die Reformation besitzen wegen ihrer Bedeutung für die deutsche und europäische Geschichte eine sehr ausgeprägte Darstellung. |
| Französisch | Für die Französische Revolution von 1789 existiert eine sehr detaillierte chronologische und institutionelle Darstellung. |
| Polnisch | Polnische Geschichte und polnisch-litauische Traditionen erhalten naturgemäß eine stärkere lokale Kontextualisierung als beispielsweise in kleineren Wikipedias. |
| Japanisch | Japanische Geschichte, Literatur und Philosophie bilden einen eigenständigen großen Wissensraum, der nicht lediglich als Übersetzung europäischer Geschichte erscheint. |
| Chinesisch | Chinesische Geschichte, klassische Literatur und Philosophie bilden einen umfangreichen eigenen kulturellen Kontext; zentrale Ereignisse können deshalb aus einer anderen historischen Tradition heraus erschlossen werden. |
| Arabisch | Islamische Geschichte, arabische Literatur und die Geschichte des Nahen Ostens besitzen einen wesentlich stärkeren eigenen Kontext als beispielsweise in einer europäischen Sprachversion. |
Diese Beispiele sind keine Rangliste der Qualität. Sie zeigen vielmehr, warum ein mehrsprachiger Vergleich wissenschaftlich interessant ist. Wikimedia beschreibt genau diese Unterschiede als „culture gap“ zwischen Sprachversionen. Sprachversionen behandeln Inhalte aus geografisch, sprachlich oder geopolitisch nahestehenden Räumen tendenziell stärker.
Teil 2 – Die Excel-Arbeitsmappe „Globales Weblink-Jahrbuch“
Die Arbeitsmappe für den Download: https://konrad-rennert.de/wp-content/uploads/2026/10/GlobalesJahrbuch_VersionG.xlsx
a) Was leistet die Arbeitsmappe?
Die „Globales Weblink-Jahrbuch.xlsx“ erzeugt systematisch anklickbare Wikipedia-Jahreslinks für mehrere Sprachversionen.
Die vier Personenblätter behandeln:
- Paulus: 10–70 n. Chr.
- Luther: 1483–1546
- Karl Marx: 1818–1883
- Konrad: 1954–2026.
Dadurch kann beispielsweise das Jahr 1517 gleichzeitig in der deutschen, englischen, französischen, chinesischen usw. Wikipedia aufgerufen werden.
Die Arbeitsmappe ist damit zugleich:
- ein Navigationswerkzeug,
- ein Vergleichsinstrument für Geschichtsdarstellungen,
- ein Excel-Lehrbeispiel,
- ein Ansatz für kulturvergleichende digitale Geisteswissenschaften.
b) Technische Funktionsweise
Das Kernstück ist die Formel:
=HYPERLINK(„https://“&$A2&“.wikipedia.org/wiki/“&D$1&$C2, D$1&$A2)
Die drei entscheidenden Bestandteile sind:
- $A2: Sprachkürzel, z. B. de, en, zh
- D$1: Jahreszahl
- $C2: sprachspezifisches Suffix
Die gemischten Zellbezüge sind didaktisch entscheidend: $A2 und $C2 halten die Spalten fest, während D$1 die Zeile festhält. Die Formel kann deshalb über das gesamte Raster ausgefüllt werden.
Das Suffix berücksichtigt unterschiedliche Namenskonventionen, beispielsweise 年 bei Chinesisch und Japanisch beziehungsweise 년 bei Koreanisch.
c) Grenzen
Die Arbeitsmappe enthält die Wikipedia-Inhalte nicht selbst. Sie erzeugt lediglich Links und benötigt deshalb Internetzugang.
Wichtige Grenzen sind:
- Ein bestimmter Jahresartikel kann in einer Sprache fehlen.
- Das Namensschema kann von der angenommenen URL abweichen.
- Ein Link bedeutet nicht, dass der Inhalt gleich ausführlich ist.
- Ein Jahresartikel ist eine Auswahl und Strukturierung von Ereignissen, keine vollständige Geschichtsschreibung.
- Die bloße Existenz eines Artikels sagt nichts über dessen wissenschaftliche Qualität aus.
- Die Auswahl von 24 Sprachen ist bereits eine Perspektiventscheidung.
- Eine Linksammlung ist noch keine Inhaltsanalyse.
Gerade diese Grenzen machen die Mappe allerdings zu einem guten Forschungs- und Unterrichtsgegenstand.
d) Erweiterungsmöglichkeiten
Sinnvolle nächste Schritte wären:
- automatische Prüfung, ob ein Artikel tatsächlich existiert,
- Erfassung von Artikelgröße und Bearbeitungsdatum,
- Vergleich von Literatur- und Quellenangaben,
- Markierung fehlender Artikel,
- Wikidata-Verknüpfung,
- Erweiterung um weitere Sprachversionen,
- automatische Inhaltsanalyse,
- Visualisierung der unterschiedlichen Themenschwerpunkte.
Damit könnte aus dem „Weblink-Jahrbuch“ ein kleines digitales-geisteswissenschaftliches Forschungsinstrument werden.
Teil 3 – Einsatz im Unterricht
a) Geeignete Lernbereiche
Besonders geeignet sind:
- Geschichte: unterschiedliche Erinnerungskulturen,
- Deutsch/Literatur: literarische Kanonbildung,
- Religion: Paulus, Luther, Reformation, Religionsgeschichte,
- Philosophie: Aristoteles, Kant, Konfuzius usw.,
- Informatik: URLs, Excel-Formeln, Zelladressierung,
- Fremdsprachen: Vergleich von Darstellungen,
- Medienbildung: Quellen- und Plattformkritik,
- Erwachsenenbildung: digitale Mündigkeit und Informationskompetenz.
Das Konzept funktioniert sowohl in der Sekundarstufe II als auch in Hochschulseminaren und Erwachsenenbildung.
b) Zwei konkrete Unterrichtssequenzen
Sequenz 1: „Was bedeutet 1517?“
Ziel: Die Lernenden erkennen unterschiedliche historische Schwerpunktsetzungen.
Dauer: 90 Minuten
Ablauf:
- 10 Min.: 1517 als Ausgangspunkt.
- 15 Min.: Erklärung der Arbeitsmappe.
- 25 Min.: Gruppen vergleichen 1517 in drei bis fünf Sprachversionen.
- 20 Min.: Ergebnisse tabellarisch erfassen.
- 15 Min.: Diskussion: Ereignisgeschichte oder Perspektivgeschichte?
- 5 Min.: Reflexion.
Material: Globales Weblink-Jahrbuch, Computer, Browser, Übersetzungsfunktion, Vergleichstabelle.
Sequenz 2: „Eine Excel-Formel wird zum Forschungsinstrument“
Ziel: Informatik und Geisteswissenschaften verbinden.
Dauer: 90–120 Minuten
Ablauf:
- Formel gemeinsam zerlegen.
- $A2, D$1 und $C2 verändern.
- Einen zusätzlichen Zeitraum anlegen.
- Eine weitere Sprache ergänzen.
- Funktionierende und nicht funktionierende Links untersuchen.
- Anschließend die historischen Ergebnisse interpretieren.
Material: Excel/LibreOffice Calc, Arbeitsmappe, Wikipedia, Aufgabenblatt.
c) Medien- und Quellenkritik
Vermittelt werden sollte insbesondere:
Wikipedia ist eine Quelle für eine Darstellung – nicht automatisch eine Quelle für die historische Wahrheit.
Die Lernenden sollten fragen:
- Wer hat den Artikel geschrieben?
- Wann wurde er zuletzt bearbeitet?
- Welche Quellen werden angegeben?
- Welche Perspektive dominiert?
- Was fehlt?
- Existiert das Thema in anderen Sprachversionen?
- Ist ein fehlender Artikel tatsächlich ein Wissensdefizit?
- Übersetzt der Browser nur Sprache – oder verändert er auch Bedeutung?
- Welche Aussagen stammen aus Wikipedia und welche aus den dort angegebenen Originalquellen?
Damit wird aus dem bloßen „Wikipedia-Vergleich“ Quellenkritik auf der Metaebene.
Teil 4 – Die journalistischen W-Fragen
| W-Frage | Antwort |
| Wer? | Wikipedia-Autorengemeinschaften verschiedener Sprachräume; als konkretes Werkzeug die von Konrad Rennert beschriebene Excel-Arbeitsmappe. |
| Was? | Vergleich von Wikipedia-Jahresartikeln über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg; zugleich ein Excel-Lehrbeispiel. |
| Wann? | Wikipedia existiert seit 2001; die beschriebene Arbeitsmappe wurde laut Beitrag am 2. Oktober 2026 veröffentlicht. |
| Wo? | In den verschiedenen Wikipedia-Sprachversionen und technisch in einer Excel-Arbeitsmappe. |
| Wie? | Über systematisch erzeugte Hyperlinks aus Sprachkürzel, Jahreszahl und sprachspezifischem Suffix. |
| Warum? | Um sichtbar zu machen, dass historisches Wissen je nach Sprach- und Kulturraum unterschiedlich gewichtet, dargestellt und möglicherweise auch lückenhaft wird. |
| Woher? | Primär: Rennerts Beschreibung der Arbeitsmappe; ergänzend Wikimedia/Wikipedia und das Wikipedia Diversity Observatory. |
Kernthese: Die eigentliche Innovation liegt weniger darin, viele Wikipedia-Links automatisch zu erzeugen. Interessant wird das Verfahren dort, wo aus den Links eine vergleichende Fragestellung entsteht: Was macht ein Sprachraum aus einem historischen Jahr – und was macht ein anderer daraus? Genau an dieser Stelle treffen Excel-Kompetenz, Wikipedia-Kompetenz, digitale Geisteswissenschaften und Medienbildung aufeinander.

